DER ERSTE TRAUM — EIN HIMMLISCHER AUFTRAG
(Lemoyne 1, 123-125)
In seinen Memoiren berichtet Don Bosco selbst über den ersten visionären Traum, den er bereits in früher Jugend hatte:
“Als ich ungefähr neun Jahre alt war, hatte ich einen Traum, der mir mein ganzes Leben lang tief im Gedächtnis haften blieb. Im Traume schien es mir, als befände ich mich unweit meiner Heimat, auf einem sehr geräumigen Hof. Auf diesem hatte sich eine große Schar Jungen versammelt. Viele von ihnen liefen munter umher, lachten und spielten; nicht wenige aber fluchten. Als ich ihr Fluchen vernahm, stürzte ich sofort auf sie los. Ich wollte sie mit Schlägen und Schelten zum Schweigen bringen.
In dem Augenblick erschien ein hoheitsvoller Herr. Er stand im Mannesalter und war sehr schön gekleidet. Ein weißer Mantel umhüllte seine ganze Gestalt. Sein Antlitz leuchtete so stark, daß ich ihn nicht anzublicken vermochte.
Der Herr redete mich freundlich mit meinem Namen an und gab mir die Anweisung: “Stelle dich an die Spitze der Jungen! “Und er fügte noch hinzu: “Nicht mit Schlägen, sondern mit Milde, Güte und Liebe mußt du dir diese zu Freunden gewinnen. Fange daher sofort an, sie über die Häßlichkeit der Sünde und über den Wert der Tugend zu unterrichten.”
Ganz verwirrt und erschrocken gab ich zur Antwort, ich sei ein armer, unwissender Knabe und nicht fähig, mit diesen Jungen über Religion zu sprechen.
In dem Augenblick hörten die Jungen mit dem Lachen, Lärmen und Fluchen auf und scharten sich alle um den Herrn, der soeben gesprochen hatte. Fast ohne zu wissen, was ich tat, sagte ich: “Wer sind Sie eigentlich, daß Sie mir etwas Unmögliches befehlen?”
Der Herr antwortete: “Gerade weil dir diese Aufgabe unmöglich erscheint, mußt du sie durch Gehorsam und Erwerb der Wissenschaft möglich machen.”
Darauf fragte ich ihn: “Aber wie und wo kann ich mir das nötige Wissen aneignen?”
Seine Antwort lautete: “Ich werde dir eine Lehrmeisterin geben. Unter ihrer Leitung wirst du gelehrt werden. Ohne sie ist alles Wissen Torheit.”
“Wer sind Sie überhaupt”, fragte ich noch einmal, “daß Sie in dieser Art zu mir sprechen?”
Der Herr antwortete: “Ich bin der Sohn derer, die du dreimal am Tage grüßest, wie deine Mutter dich gelehrt hat.”
Darauf wagte ich zu sagen: “Meine Mutter hat mir verboten, mich ohne ihre Erlaubnis mit Personen zu unterhalten, die ich nicht kenne. Bitte nennen Sie mir daher Ihren Namen.”
Da sagte der Herr: “Frage meine Mutter nach meinem Namen!”
In dem Augenblick sah ich neben ihm eine Dame von majestätischem Aussehen. Sie war mit einem Mantel bekleidet, der über und über so strahlte, als wäre er mit hell leuchtenden Sternen besät. Der Herr sah, daß ich in meinen Fragen und Antworten immer verwirrter wurde und gab mir ein Zeichen, mich der Dame zu nähern. Diese faßte mich liebevoll bei der Hand und sagte zu mir: “Schau mal!” Ich blickte auf und nahm wahr, daß alle Jungen verschwunden waren. An ihrer Stelle aber sah ich eine Menge Ziegenböcklein, Hunde, Katzen, Bären und viele andere Tiere.
Die Dame sprach weiter: “Schau, dies ist dein Feld, hier mußt du arbeiten. Werde demütig, stark und tapfer; denn was du an diesen Tieren geschehen siehst, das sollst du an meinen Kindern tun.”
Hierauf blickte ich um mich und sah, daß an Stelle der wilden Tiere ebenso viele sanfte Lämmer erschienen. Diese hüpften vergnügt umher und blökten munter, als wollten sie den Herrn und die Dame herzlich begrüßen.
Immer noch im Traum begann ich zu weinen und bat die Dame, sich verständlicher auszudrücken; denn ich begriff nicht, was das alles bedeuten sollte. Darauf legte sie freundlich ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: “Zur gegebenen Zeit wirst du alles verstehen.”
Als sie das gesagt hatte, wurde ich durch irgendein Geräusch geweckt, und alles war verschwunden. —
Ich war wie betäubt. Mir war, als täten mir meine Hände noch von den Schlägen weh, die ich ausgeteilt hatte. Mein Gesicht schien von den Ohrfeigen zu schmerzen, die ich von den Lausbuben erhalten hatte. Zudem beschäftigten sich meine Gedanken mit der erhabenen Person und der Dame sowie mit dem Gehörten und Gesagten, so daß ich in jener Nacht keinen Schlaf mehr finden konnte.
Am folgenden Morgen erzählte ich meinen Traum im Familienkreise. Jeder der Angehörigen äußerte seine Meinung dazu. Der Bruder Josef sagte: “Du wirst einmal ein Hirte von Ziegen, Schafen oder sonstigen Tieren. ” Meine Mutter meinte: “Wer weiß, ob er nicht Priester werden muß. ” Anton brummte sehr trocken: “Vielleicht wirst du einmal ein Räuberhauptmann. ” Die Großmutter aber beschloß das Thema, indem sie sagte: “Man darf auf Träume nichts geben.”
Ich selber stimmte der Meinung meiner Großmutter zu, doch konnte ich den Traum nie aus dem Gedächtnis bringen.”
(Lem. 1, 244)
Als Johannes Bosco 16 Jahre alt war, wiederholte sich der Traum. Er selber erzählte ihn folgendermaßen:
“Im Traum sah ich eine vornehme Dame auf mich zukommen. Sie führte eine überaus große Herde an. Als sie nahe bei mir war, redete sie mich mit folgenden Worten an: Schau, Johannes, diese ganze Herde vertraue ich deiner Obhut an.”
Da fragte ich: “Wie soll ich es anstellen, so viele Schafe und Lämmer zu hüten und zu betreuen? Wo finde ich die nötigen Weiden, auf die ich sie führen könnte?”
Die Dame antwortete mir: “Habe keine Angst; ich werde dir beistehen.”
Darauf verschwand sie.
(Lem. 1, 305)
Mit 19 Jahren wiederholte sich der erste Traum noch einmal. Im Traum sah Johannes Bosco eine erhabene, majestätische Person, die weiß gekleidet war und in hellem Glanz erstrahlte. Der vornehme Herr war damit beschäftigt, eine überaus zahlreiche Jungenschar zu leiten. Er wandte sich an Johannes und sagte: “Komm her, stelle dich an die Spitze dieser Jungen und führe du sie an!”
Darauf antwortete Johannes Bosco, er sei nicht fähig, so viele Tausende von Jugendlichen zu unterrichten und zu leiten.
Die hoheitsvolle Person aber bestand gebieterisch auf ihrem Befehl, bis Johannes sich an die Spitze der großen Jungenschar stellte und sie auftragsgemäß zu führen begann.
DIE RABEN
(Lem. VII, 649-651)
Am 14. April 1864 erzählte Don Bosco folgende zwei Träume, die er einige Nächte vorher gehabt hatte:
“Am 3. April, in der Nacht vor dem Weißen Sonntag, schien es mir im Traum, als befände ich mich auf einem Balkon und sähe die Jungen beim Spiel. Da plötzlich sah ich, wie sich ein großes weißes Laken über den ganzen Hof herniedersenkte und ihn bedeckte; die Jungen spielten aber weiter. Während ich sie noch beobachtete, sah ich eine große Menge Raben. Sie flatterten und kreisten über dem Tuch umher. Schließlich entdeckten sie die Ränder des Tuches, flogen darunter, stürzten sich auf die Jungen und hieben mit ihrem Schnabel auf sie ein. Der Anblick erregte Mitleid. Dem einen Jungen hackten sie die Augen aus, einem anderen zerhackten sie die Zunge, einem dritten zerhieben sie die Stirne, und wieder einem anderen zerrissen sie das Herz.
Was mich aber am meisten in Erstaunen setzte, war die Feststellung, daß keiner schrie oder sich beklagte, sondern alle blieben kalt, ja sogar gefühllos und suchten sich nicht zu verteidigen.
“Träume ich vielleicht”, sagte ich, “oder bin ich wach? Wenn ich nicht träume, wie ließe sich dann erklären, daß die Jungen sich so mißhandeln lassen ohne vor Schmerz zu schreien?” Aber kurz darauf hörte ich ein allgemeines Wehklagen. Dann sah ich, wie die Verwundeten sich erregten, und ich hörte wie sie schrieen und lärmten und sich von den übrigen absonderten. Verwundert darüber überlegte ich, was das bedeuten sollte. “Vielleicht”, so dachte ich, hängt es mit dem Weißen Sonntag zusammen. Will der Herr uns zeigen, was seine Gnade für uns alle zu bedeuten hat? Die Raben versinnbilden Teufel, welche die Jungen angreifen.”
Während ich das erwog, hörte ich ein Geräusch und erwachte. Es war schon Tag, und irgend jemand hatte an meiner Türe geklopft. Über alles das war ich nicht wenig erstaunt, als ich am Montag bemerkte, daß die Zahl der Kommunionen abgenommen hatte. Am Dienstag sank sie noch mehr und am Mittwoch waren es auffallend wenige, so daß ich zur halben Messe schon mit Beichthören fertig war. Ich wollte aber nichts sagen, denn die Exerzitien standen bevor. So hoffte ich, es würde alles in Ordnung kommen.
Gestern am 13. April hatte ich noch einen Traum. Ich hatte den ganzen Tag hindurch Beichte gehört und war in meinen Gedanken noch mit den Seelen der Jungen beschäftigt, wie das stets der Fall ist. Am Abend ging ich zu Bett, konnte aber keinen Schlaf finden. Erst nach einigen Stunden fing ich an zu schlafen. Es schien mir, als befände ich mich wieder auf dem Balkon und beobachtete von dort die spielenden Jungen. Ich gewahrte alle, auch die von den Raben Verwundeten. Ich sah überhaupt alles. Es erschien jemand mit einem kleinen Gefäß in der Hand, das Balsam enthielt und ein anderer, mit einem Leinentuch, begleitete ihn. Beide begannen die Wunden der Jungen zu behandeln. Die Wunden heilten, sobald sie vom Balsam berührt wurden. Einige Jungen jedoch machten sich davon, als sie die beiden herankommen sahen. Sie wollten nicht geheilt werden. Mir mißfiel es sehr, daß es nicht nur einzelne waren. Nun bemühte ich mich, ihre Namen auf ein Stück Papier zu schreiben; ich kannte nämlich alle. Während ich nun schrieb, erwachte ich und fand mich ohne Papier. Die Namen hatte ich mir aber durch das Schreiben ins Gedächtnis eingeprägt und jetzt weiß ich sie fast alle. Vielleicht habe ich auch einige vergessen; doch dürften es nur wenige sein. Jetzt setze ich meine Unterredung mit den Jungen fort. Mit einigen habe ich schon gesprochen. Ich werde mich bemühen, die Wunden aller zu heilen.
Legt dem Traum an Wichtigkeit bei, soviel ihr wollt; meinen Worten aber schenkt vollen Glauben. Es schadet eurer Seele nicht im geringsten. Ich möchte jedoch haben, daß keiner diese Dinge aus dem Oratorium trägt. Euch sage ich alles, möchte aber haben, daß ihr alles hier drinnen laßt.”
In der Unterredung mit seinen Jungen hat Don Bosco gewiß jedem einzelnen die entsprechende Erklärung zu diesem Traum gegeben und dabei auf das hingewiesen, was der Rabe, was die Verletzungen der Jungen und was deren Heilung zu bedeuten habe.
Der Rabe wird allgemein Galgenvogel genannt. Man spricht auch von einem Unglücksraben und man betrachtet ihn als Unheilverkünder und Pechvogel.
In diesem Traum versinnbildet der Rabe den bösen Geist, den Teufel, der die Menschen ins Unglück stürzen will, indem er sie blind macht für das Gute und stumm, wenn es sich darum handelt, ein offenes, reumütiges Bekenntnis in der Beichte abzulegen.
Er raubt den Menschen, die nicht vor ihm fliehen, gleichsam den Verstand, die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse und nimmt ihr Herz, ihre Liebe, für sich, d. h. für sündhafte Freuden, in Anspruch.
Der im zweiten Traum erwähnte Balsam bedeutet reumütiges Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, das wie Balsam wirkt. Die Behandlung mit dem Leinentuch versinnbildet die Abwaschung der Sünden im Bußgericht.
REBHÜHNER UND WACHTELN
(Lem. VIII, 11)
Diesen Traum hatte Don Bosco am 14. Januar 1865 und er erzählte ihn zwei Tage später seinen Jungen:
“Die Hälfte des Monats Januar ist schon verflossen. Wie habt ihr die Zeit benützt? Wenn es euch gefällt, erzähle ich euch heute abend einen Traum, den ich in der vorletzten Nacht hatte.
Ich war unterwegs mit den Jungen des Oratoriums und mit vielen anderen, die ich nicht kannte. Bei einem Weinberg hielten wir an, um zu frühstücken. Die Buben liefen herum in der Absicht, Früchte zu essen. Einer aß Feigen, ein anderer Trauben wieder andere Pfirsiche oder Pflaumen. Ich war mitten unter ihnen und schnitt Weintrauben ab. Auch pflückte ich Feigen und gab sie den Jungen. Dabei sagte ich: “Nun nimm und iß.”
Es schien mir, als träumte ich und es tat mir leid, daß es nur ein Traum sein sollte. Doch sagte ich mir: “Sei es wie es wolle; wir lassen die Jungen essen. ” Mitten in den Reihen gewahrte ich den Winzer. Als wir uns erquickt hatten, setzten wir unseren Weg durch den Weinberg fort. Das war aber sehr beschwerlich. Der Weinberg war nämlich, wie es zu sein pflegt, in seiner ganzen Länge von tiefen Furchen durchschnitten, so daß man zuweilen hinunter‑ und wieder hinaufsteigen oder gar springen mußte. Die Kräftigsten sprangen hinüber. Die Kleinsten taten es ihnen nach, gelangten aber nicht auf die dahinterliegende Reihe, sondern rollten in den Graben. Darüber machte ich mir Sorgen und ich spähte umher. Da sah ich eine Straße, die an der Seite des Weinbergs entlang ging. Nun wandte ich mich mit allen Jungen dorthin. Der Winzer hielt mich aber an und sagte: “Sehen Sie sich vor und gehen Sie nicht auf jener Straße X. Sie ist nicht gangbar, sie ist voll von Steinen, Dornen, Schmutz und Furchen. Setzen Sie den eben eingeschlagenen Weg fort. ” Ich antwortete: “Sie haben recht, aber diese ganz Kleinen können nicht über die Furchen kommen.”
“Oh, das ist schnell gemacht”, erwiderte er. “Die Größten mögen die Kleinen auf die Schultern nehmen; sie können springen, obwohl sie die Last tragen. ” Ich war nicht ganz davon überzeugt und ging mit meiner ganzen Schar zum Rand des Weinbergs an die Straße heran und stellte fest, daß der Winzer die Wahrheit gesagt hatte. Die Straße war in einem schrecklichen Zustand und unbrauchbar. Ich wandte mich an Don Francesia und sagte: “Incidit in Scyllam qui vult vitare Charybdim” (= Man verfällt der Scylla, wenn man die Charybdis meiden will. Ein Bild aus der Odyssee. Der Sinn entspricht unserem Sprichwort: Man kommt aus dem Regen in die Traufe). — Wir mußten nun den Rat des Winzers befolgen und den Pfad benützen, der neben der Straße herlief, um so gut wie möglich durch den ganzen Weinberg zu gelangen. Am Ende des Weinbergs stießen wir auf eine dichte Dornenhecke. Nur mit großer Mühe fanden wir einen Durchgang. Dann marschierten wir von einem hohen Hügel hinunter und gelangten in ein liebliches Tal, das ganz mit Gras und Bäumen bedeckt war. Mitten auf einer Wiese sah ich zwei frühere Zöglinge des Oratoriums. Kaum hatten sie mich erblickt, so kamen sie auf mich zu und begrüßten mich. Sie blieben stehen und sprachen mit den andern. Als sie sich so eine Weile unterhalten hatten, sagte einer von ihnen: “Sehen Sie da, wie schön!” Dabei zeigte er mir zwei Vögel, die er in der Hand hatte. “Was sind das für Tiere?”, fragte ich. “Ein Rebhuhn und eine Wachtel. Ich habe sie gefunden. ” “Lebt denn das Rebhuhn?”, fragte ich weiter. “Oh ja, sehen Sie es nur genau an. ” Und er gab mir ein schönes, nur einige Monate altes Rebhuhn. “Frißt es schon allein?” “Es fängt eben an. ” Während ich dem Tier etwas zu fressen gab, stellte ich fest, daß es den Schnabel in vier Teile gespalten hatte. Darüber wunderte ich mich und fragte den Jungen nach dem Grund dieser Erscheinung. Und er sagte: “Weiß Don Bosco wirklich nicht, was das heißen soll? Der in vier Teile gespaltene Schnabel des Rebhuhns bedeutet das gleiche wie dieses selbst. ” “Das verstehe ich nicht,” antwortete ich. “Das verstehen Sie nicht, obwohl Sie soviel studiert haben? Wie heißt Rebhuhn auf Latein?” “Perdix. ” Nun gut, da haben Sie den Schlüssel zu allem. ” “Sei so gut und hilf mir aus der Verlegenheit, ich verstehe nichts. ” “Dann betrachten Sie doch einmal die einzelnen Buchstaben, aus denen das Wort Perdix besteht.”
P: soll heißen ‚perseverantia' (= Ausdauer, Beharrlichkeit).
E: ‚Aeternitas te exspectat' (= die Ewigkeit erwartet dich).
R: ‚Referet unusquisque secundum opera sua, prout gessit, sive bonum, sive malum' (= einem jeden wird vergolten werden nach seinen Werken, je nachdem er Gutes oder Schlechtes getan hat).
D: ‚Dempto nomine' (= ausgelöscht ist jeder menschliche Ruhm, alle Ehre, Wissenschaft und Reichtum).
I: bedeutet ‚lbit'. So deuten die vier Teile des Schnabels die vier letzten Dinge des Menschen an.”
“Du hast recht. Das habe ich verstanden. Sag mir nun auch, wo du das X gelassen hast. Was soll denn dieser Buchstabe bedeuten?” “Wie, Sie haben doch Mathematik studiert und wissen nicht was X bedeutet?” “X ist die Unbekannte. ” “Statt dessen kann man auch sagen ‚der Unbekannte', nämlich der unbekannte Ort: an einen unbekannten Ort wird er kommen (in locum suum — an seinen Ort)”. Während ich mich über diese Erklärung wunderte und doch überzeugt war, fragte ich ihn: “Schenkst du mir dieses Rebhuhn? O ja, sehr gerne. Wollen Sie auch die Wachtel sehen?”
Da hielt er mir eine prächtige Wachtel hin; sie sah wenigstens so aus. Ich nahm sie entgegen, hob ihre Flügel etwas hoch und sah, daß sie voll Wunden war und ganz unrein und eitrig aussah. Auch roch sie ekelhaft. Ich fragte nun den Jungen, was das zu bedeuten habe. Er antwortete: “Priester, Priester, das weißt Du nicht und hast doch die Heilige Schrift studiert! Weißt Du nicht mehr, daß die Hebräer in der Wüste murrten und Gott ihnen die Wachteln sandte? Sie aßen davon und hatten noch das Fleisch zwischen den Zähnen, als viele tausend durch die Hand des Herrn bestraft wurden. Also bedeutet diese Wachtel, daß der Gaumen mehr tötet als das Schwert; hier liegt die Quelle der meisten Sünden.”
Ich dankte dem Jungen für seine Erklärung. Inzwischen tauchten in Hecken, auf Bäumen und im Gras Rebhühner und Wachteln in großer Zahl auf. Sie glichen denen, welche der Knabe in der Hand hielt, der mit mir gesprochen hatte. Die Jungen aber fingen an, Jagd auf die Vögel zu machen und sorgten so für ihre Mahlzeit.
Dann machten wir uns wieder auf den Weg. Alle, die von den Rebhühnern gegessen hatten, waren kräftig und setzten ihren Weg fort. Diejenigen aber, die Wachteln gegessen hatten, blieben im Tal. Sie folgten mir nicht, blieben auch nicht beisammen und ich verlor sie aus dem Auge und sah sie nicht wieder. — Der Traum dauerte die ganze Nacht. Am Morgen war ich so müde und erschöpft, daß ich mir vorkam, als wäre ich die ganze Nacht auf Reisen gewesen.
Ich wünsche dringend, daß diese Dinge, die ich euch hier erzählt habe, nicht außerhalb des Oratoriums weitererzählt werden. Unter euch könnt ihr darüber sprechen, soviel ihr wollt; tragt aber nichts aus dem Haus.”
(Lem. VIII, 16-17)
In der Abendansprache am 18. Januar kam Don Bosco noch einmal auf den Traum zu sprechen. Er sagte: “Ihr wollt doch sicher mehr über den Traum wissen. So will ich erklären, was Wachtel und Rebhuhn bedeuten. Das Rebhuhn bedeutet — klar ausgedrückt — die Tugend, die Wachtel das Laster. Warum die so schön aussehende Wachtel bei näherem Zuschauen Wunden unter den Flügeln hatte und ganz ekelhaft roch, wißt ihr und brauche ich euch nicht zu erklären; es sind schändliche Dinge. Einigen Jungen schmeckte die Wachtel gut. Sie aßen mit Gier davon, obwohl das Fleisch faul war. Das sind jene, die sich dem Laster ergeben.
Andere aßen vom Rebhuhn. Es sind solche, welche die Tugend lieben und darum auch üben. Manche hielten in der einen Hand eine Wachtel und in der anderen ein Rebhuhn. Sie aßen aber von der Wachtel. Das sind jene, die zwar die Schönheit der Tugend kennen, wollen aber mit der Gnade, die Gott ihnen schenkt, nicht mitwirken, um tugendhaft zu werden.
Wieder andere, die in der einen Hand ein Rebhuhn und in der anderen eine Wachtel hielten, aßen zwar vom Rebhuhn, warfen aber begehrliche und gierige Blicke nach der Wachtel. Das sind jene, welche die Tugend zwar üben, aber nur mit viel Mühe und Anstrengung. An ihnen kann man zweifeln, ob sie sich ändern oder doch bei der nächsten Gelegenheit fallen werden.
Manche aßen vom Rebhuhn, während Wachteln vor ihnen herumflatterten; diese Jungen schauten aber nicht darauf, sondern fuhren fort, ihr Rebhuhn zu essen. Das sind jene, die tugendhaft sind und das Laster verabscheuen und verachten. Einige aßen ein wenig vom Rebhuhn und ein wenig von der Wachtel. Bei ihnen wechselt die Tugend mit dem Laster ab. Sie geben sich einer Täuschung hin, indem sie meinen, nicht schlecht zu sein . . .
Ihr werdet fragen: “Wer von uns aß Wachteln und wer vom Rebhuhn?” Vielen habe ich es schon gesagt; die anderen mögen, wenn sie wollen, zu mir kommen, und ich werde es ihnen sagen.”
Don Lemoyne geht noch näher auf das Bild des Rebhuhns ein und bemerkt dazu, es sei ein sehr schlauer Vogel, der sich mit besonderer Gewandtheit dem Jäger entziehen und sein Nest schützen kann.
Dieser Traum Don Boscos bedarf keiner weiteren Erklärung. Der Heilige hat sie selbst gegeben und setzte daher auch mit Recht voraus, daß seine Jungen Sinn und Lehre dieses Traumes verstanden hätten.
DAS GEBET UND DIE TUGEND
(Lem. VIII, 33-34)
Den folgenden Traum erzählte Don Bosco seinen Jungen am 6. Februar 1865:
“Vor zwei oder drei Abenden habe ich etwas ganz Besonderes geträumt. Wollt ihr haben, daß ich euch meinen Traum erzähle? Weil ich meine Jungen liebe, sind sie mir im Traume immer nahe.
Mir schien es, als stände ich mitten im Hof von meinen Jungen umgeben. Jeder von ihnen hatte eine schöne Blume in der Hand; der eine eine Rose, der andere eine Lilie, wieder ein anderer ein Veilchen. Es hielt also der eine diese, der andere jene Blume in der Hand. Da erschien plötzlich eine häßliche Katze. Sie war so groß wie ein Hund. Sie war pechschwarz und hatte Hörner. Ihre großen Augen waren wie glühende Kohlen, ihre Krallen waren so stark wie Nägel und sie hatte auch einen unförmig dicken Bauch. Diese häßliche Bestie näherte sich langsam und ruhig den Jungen und strich dann mitten unter ihnen einher. Plötzlich schlug sie einen mit ihrer Tatze auf die Erde. Das gleiche tat sie bei andern Jungen. Beim Erscheinen dieser großen Katze erschrak ich und wunderte mich, als ich sah, daß die Jungen sich nicht im geringsten daran störten und sich so verhielten, als wäre nichts geschehen.
Als ich bemerkte, daß die Katze auf mich losging, um mir meine Blume zu entreißen, ergriff ich die Flucht. Man hielt mich aber auf und sagte: “Nicht fortlaufen! Sag deinen Jungen, sie sollen den Arm hochheben; dann kann die Katze nicht an die Blumen heranreichen, um sie ihnen aus der Hand zu reißen. ” Ich blieb stehen und hob den Arm hoch. Die Bestie strengte sich an und versuchte mir die Blume zu entreißen. Sie sprang hoch, um an die Blume heranzukommen. Sie konnte sie aber nicht erreichen, da sie zu schwer war, und plumps fiel sie zur Erde nieder.
Die Lilie, meine lieben Jungen, stellt die schöne Tugend der Reinheit dar, gegen die der Teufel immer wieder Krieg führt. Wehe den Jungen, die diese Blume nicht hochhalten! Der Teufel nimmt sie ihnen und läßt sie fallen. Jene halten sie nicht hoch, die ihren Körper verwöhnen, die im Essen keine Ordnung und kein Maß halten, die außer den Mahlzeiten essen und trinken. Es sind solche, die jeder Anstrengung, auch dem Studium, aus dem Wege gehen und sich dem Müßiggang hingeben. Ferner jene, denen gewisse Bücher und Reden gefallen und die jede Abtötung fliehen. Um Gottes willen, flieht und bekämpft diesen Feind, sonst wird er Herr über euch! Den Sieg zu erlangen ist nicht leicht; die Ewige Weisheit hat aber Mittel dazu bereitgestellt: Hoc autem genus non ejicitur nisi per orationem et jejunium” (= diese Art — von Teufeln — wird nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben) Matth. 17, 20.
Haltet eure Arme, haltet eure Blumen hoch und ihr seid sicher. Reinheit ist eine himmlische Tugend und wer sie bewahren will, muß sich gegen den Himmel emporrecken. Rettet euch also durch das Gebet.
Gebete, die euch zum Himmel erheben, sind das Morgen- und Abendgebet, sofern sie gut verrichtet werden. Gebete sind auch Betrachtung und die hl. Messe; Gebete sind öftere Beichte und Kommunion; Gebete sind die Predigten und Ansprachen der Obern; Gebet ist die Besuchung des Allerheiligsten, der Rosenkranz und auch das Studium. Wenn ihr Gebete verrichtet, wird euer Herz sich ausdehnen wie ein Luftballon und sich zum Himmel erheben und dann könnt ihr mit David sprechen: “Viam mandatorum tuorum cucurri, cum dilatasti cor meum” (= den Weg deiner Gebote will ich wandeln, denn du hast mein Herz weit gemacht) Ps. 118, 32. Auf diese Weise bringt ihr die schönste der Tugenden in Sicherheit und der Feind mag sich noch so sehr anstrengen, er kann sie euren Händen nicht entreißen.”
(Lem. VIII, 40)
Am 13. Februar 1865 kam Don Bosco noch einmal auf diesen Traum zu sprechen: “Ich habe euch gesagt, daß diese häßliche Bestie der Teufel war, der euch zugrunde richten möchte. Als ich euch das sagte, glaubte ich im Hinblick auf euch, das entspräche nicht der Wirklichkeit, es sei nur ein Phantasiegebilde. Zu meinem großen Leidwesen muß ich aber sagen, daß die Katze auch unter euch großes Unheil angerichtet hat. Es ist zwar nicht so, daß der größte Teil von euch gefehlt hätte; in Anbetracht der großen Zahl von Jungen in unserem Haus ist es nur eine kleine Minderheit, die gefehlt hat. Und doch ist diese Minderheit noch viel größer als ich glauben wollte. Hier im Oratorium ereigneten sich im Ablauf weniger Tage Dinge, die man bisher niemals darin beobachten konnte.”
Zu diesem Traum läßt sich sagen: Die vielen Bemühungen Don Boscos um seine Jungen hatten als Ziel, tugendhafte Menschen aus ihnen zu machen. Mit diesen eindringlichen Worten hatte er sie oft ermahnt: “Jungen, bewahrt in euren Herzen den Schatz der Tugend. Wenn ihr den besitzt, habt ihr alles; wenn ihr ihn aber verliert, werdet ihr die Unglücklichsten der Welt” (Lem. III, 11).
Als schönsten Schmuck bezeichnete Don Bosco die Tugenden, der Reinheit, der Demut, des Gehorsams und der Liebe” (IV, 748). An erster Stelle nennt er die Reinheit. In diesem Traum wird sie — wie in der Regel — mit der Lilie verglichen.
Mit der Erzählung dieses Traumes wollte der Heilige den Jungen das Wort der Schrift einprägen: “Wachet und betet” (Matth. 24/42); denn “wer betet, der wird gerettet” (St. Alfons).
DER TEUFEL VERLEITET ZU ZERSTREUUNGEN
(Lem. VIII, 115-116)
Von Don Bosco am 1. Mai 1865 erzählt:
“Im Traum sah ich mich in einer Kirche, die von Jungen ganz gefüllt war. Nur wenige gingen zur hl. Kommunion. An der Kommunionbank stand ein großer Mann in schwarzer Kleidung. Er hatte Hörner und hielt einen Apparat in der Hand. Einigen Jungen zeigte er verschiedene Sachen, die in dem Apparat zu sehen waren. Den einen ließ er die ganze vom Spiel belebte Erholungspause sehen. Er interessierte sich vor allem für sein Lieblingsspiel. Einem anderen zeigte er frühere Spiele, an denen er Vergnügen fand in der Hoffnung auf zukünftige Siege beim Spiel. Dann zeigte er einem seine Heimat, seine Spaziergänge daselbst, Felder und Vaterhaus; einem andern den Studiersaal, die Bücher, Arbeiten und seine Helfer. Dem nächsten zeigte er Obst, Süßigkeiten und den Wein, den er im Koffer hatte, und wieder einem andern seine Eltern und Freunde.
Aber auch Schlimmeres ließ er sie schauen, nämlich ihre Sünden und nicht abgegebenes Geld. Daher gingen nur wenige zu den hl. Sakramenten. Einige sahen ihre Ferienausflüge. Sie übersahen alles andere und betrachteten nur die früheren Gefährten ihrer Vergnügungen.
Wißt ihr, was dieser Traum bedeuten soll? Er will besagen, daß der Teufel sich anstrengt, die Jungen in der Kirche zu zerstreuen, um sie vom Empfang der hl. Sakramente fernzuhalten. Und die Jungen sind so unklug und gehen darauf ein.
Meine lieben Jungen! Dieses elende Teufelswerk muß man zerschlagen. Wißt ihr auch wie? Werft einen Blick auf das Kreuz und dann denkt daran, daß man sich dem Teufel in die Arme wirft, wenn man den Empfang der hl. Kommunion vernachlässigt.”
DIE PROZESSION ZUM MARIENALTAR
(Lem. VIII, 129-132)
Den folgenden Traum erzählte Don Bosco am 30. Mai 1865: “Ich erblickte einen großen Altar, der Maria geweiht und prächtig geschmückt war. Alle Jungen des Oratoriums sah ich in einer Prozession zum Altare schreiten. Sie sangen das Lob der reinsten Jungfrau, aber nicht alle in derselben Weise, obwohl alle das gleiche Lied sangen. Viele sangen wirklich genau und gut nach den Noten. Einige sangen lauter, andere leiser. Manche hatten eine heisere Stimme. Andere sangen falsch, wieder andere gingen schweigend weiter und lösten sich dann aus den Reihen. Einige gähnten und langweilten sich. Manche stießen sich auch an und lachten miteinander. Aber alle trugen Geschenke, um sie Maria darzubringen. Die meisten brachten einen Blumenstrauß. Diese Blumensträuße waren von verschiedener Größe und mannigfaltiger Art. Einer hatte einen Strauß Rosen, ein anderer Nelken, wieder ein anderer Veilchen usw. Einige brachten der allerseligsten Jungfrau wirklich seltsame Gaben. Die einen trugen einen Schweinekopf, die anderen eine Katze. Es war auch einer dabei, der eine Platte voll Kröten hatte, während andere ein Kaninchen, ein Lamm oder andere Dinge trugen.
Vor dem Altar stand ein schöner Jüngling. Wenn man genau hinschaute, sah man Flügel. Vielleicht war es der Schutzengel des Oratoriums. So wie die Jungen nach und nach herankamen und ihre Gaben darbrachten, nahm er diese in Empfang und legte sie auf den Altar.
Die ersten brachten herrliche Blumensträuße und der Engel legte sie, ohne etwas zu sagen, auf den Altar. Andere — in großer Zahl — reichten ihm ihre Blumensträuße. Er betrachtete sie und nahm sie auseinander. Verdorbene Blumen nahm er heraus und warf sie weg. Dann fügte er die Blumen wieder zu einem Strauß zusammen und legte sie auf den Altar. Einige hatten schöne Blumensträuße, aber Blumen dazwischen, die nicht dufteten, wie Dohlen, Kamelien u. a. Der Engel ließ sie herausnehmen, weil Maria nur Wirklichkeit und nicht den Schein liebt. Wenn dann der Strauß neu geordnet war, brachte der Engel ihn der heiligsten Jungfrau dar. Viele hatten zwischen ihren Blumen sogar Dornen und Nägel, die der Engel wegnahm.
Schließlich kam der Junge heran, der einen Schweinekopf trug. Der Engel sagte zu ihm: “Hast du wirklich den Mut, diese Gabe Maria anzubieten? Weißt du auch, was das Schwein bedeutet? Das häßliche Laster der Unkeuschheit. Die reinste Jungfrau Maria kann diese Sünde nicht ertragen. Ziehe dich also zurück; du bist nicht würdig vor ihr zu stehen.”
Dann kamen Jungen, die eine Katze trugen und der Engel sagte ihnen: “Ihr wagt es, der Gottesmutter solche Sachen anzubieten? Wißt ihr nicht was eine Katze bedeutet? Sie versinnbildet den Diebstahl und ihr bringt sie noch der heiligsten Jungfrau! Diebe seid ihr, Diebe, die den Kameraden Geld, Sachen, Bücher und sogar Eßwaren wegnehmen. Ihr seid solche, die aus Ärger und Bosheit Kleider zerreißen und das Geld der Eltern vergeuden, weil sie die Zeit zum Lernen der Schulaufgaben nicht ausnutzen.”
Dann ließ er auch diese beiseite treten.
Nun kamen diejenigen Jungen, welche Platten mit Kröten trugen. Der Engel schaute sie zornig an. “Die Kröten versinnbilden die schändlichen Sünden des Ärgernisgebens und ihr wollt sie der reinsten Jungfrau bringen? Zurück! Fort mit euch zu den übrigen Unwürdigen!” Da zogen sie sich verwirrt zurück.
Es kamen auch einige heran, die einen Dolch im Herzen trugen. Der Dolch bedeutet Sakrilegien. Der Engel sagte ihnen: “Merkt ihr nicht, daß ihr den Tod in der Seele habt? Daß ihr Überhaupt noch lebt, ist ein besonderes Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. Ihr wäret sonst verloren. Um Gottes Willen, laßt euch diesen Dolch herausnehmen!” Auch diese wurden zurückgewiesen.
Nach und nach kamen alle Jungen heran. Es wurden Lämmer, Kaninchen, Fische, Nüsse, Trauben und andere Sachen geopfert. Der Engel nahm alles und legte es auf den Altar.
Nachdem er die guten Jungen von den schlechten geschieden hatte, ließ er alle, deren Gaben von Maria angenommen worden waren, sich vor dem Altar aufstellen. Leider waren diejenigen, die er fortgeschickt hatte, und die an der Seite standen, zu meinem Schmerz viel zahlreicher als ich geglaubt hatte.
Nun erschienen zu beiden Seiten des Altares noch zwei andere Engel. Diese brachten zwei Körbe voll herrlicher Kränze, die aus prächtigen Rosen geflochten waren. Es waren eigentlich keine natürlichen Rosen, sondern künstliche, ein Sinnbild der Unsterblichkeit.
Der Schutzengel nahm darauf die Kränze, einen nach dem andern, und schmückte damit alle Jungen, die um den Altar standen. Die Kränze waren verschieden groß, aber alle von einer wunderbaren Schönheit. Denkt euch nur, da waren nicht nur die Jungen anwesend, die sich zur Zeit im Oratorium befinden, sondern auch noch viele andere, die ich noch niemals gesehen hatte.
Nun geschah etwas ganz Auffallendes. Da waren so häßliche Jungen, daß sie fast Ekel und Abscheu einflößten. Diese erhielten die schönsten Kränze, um anzudeuten, daß ein so häßliches Äußere durch das Geschenk der Tugend der Keuschheit in hervorragendem Maße ersetzt wird. Viele andere hatten dieselbe Tugend, aber in weniger hohem Grad erworben. Wieder andere zeichneten sich durch die Übung anderer Tugenden aus, wie Gehorsam, Demut und Gottesliebe. Alle erhielten Kränze, die dem Grad ihrer Tugenden entsprachen. Darauf sagte ihnen der Engel: “Es war der Wunsch Mariens, euch heute mit so schönen Kränzen zu zieren. Bedenkt aber auch, daß ihr weiter fortfahren müßt, die Tugenden zu üben, damit sie euch nicht genommen werden. Behaltet auch im Gedächtnis, daß es Mittel gibt, im Tugendleben beharrlich zu sein. Es sind: 1. Demut, 2. Gehorsam, 3. Keuschheit. Übt diese drei Tugenden, dann werdet ihr von Maria geliebt und ihr werdet dadurch würdig werden, eines Tages eine Krone zu empfangen, die unendlich schöner ist als dieser Kranz. Dann stimmten die Jungen vor dem Altar das ‚Ave maris stella' — Meerstern ich dich grüße — an.
Nach dem Gesang der ersten Strophe zog die Prozession, so wie sie gekommen war, wieder ab. Dabei sangen die Jungen das Lied: Lobet Maria, ihr gläubigen Zungen. Ihre Stimmen waren so laut, daß ich ganz verblüfft und verwundert war. Ich folgte noch eine Weile und entfernte mich dann, um die Jungen zu sehen, die der Engel beiseite stehen gelassen hatte. Ich sah sie aber nicht mehr.
Meine Lieben! Ich weiß, welche Jungen vom Engel bekränzt und welche fortgejagt wurden. Den einzelnen werde ich es sagen, damit sie sich in Zukunft bemühen, der reinsten Jungfrau solche Gaben zu bringen, die sie auch gerne annimmt. —
Nun noch einige Bemerkungen:
1. Alle brachten der lieben Jungfrau Maria Blumen, und zwar von allen Sorten. Ich beobachtete aber auch, daß alle zwischen den Blumen mehr oder weniger Dornen hatten. Ich dachte lange nach, was diese Dornen wohl bedeuten könnten und kam zu der Überzeugung, daß sie Ungehorsam darstellten: Geld behalten ohne Erlaubnis des Präfekten und ohne die Absicht es ihm abgeben zu wollen; fragen, ob man an einen bestimmten Ort gehen darf und dann doch an einen anderen gehen; zu spät in die Schule kommen, wenn die anderen schon da sind; sich heimlich Salat und andere Speisen bereiten; in die Schlafsäle der anderen gehen, obwohl es streng verboten ist, gleich unter welchem Vorwand; beim Wecken nicht gleich aufstehen; die vorgeschriebenen Andachtsübungen auslassen; schwätzen in der Zeit des Stillschweigens; Bücher kaufen ohne sie vorzuzeigen; Briefe durch Mittelspersonen fortschicken, damit sie nicht gesehen werden und auf dieselbe Art Briefe empfangen; untereinander Abmachungen treffen, Käufe und Verkäufe tätigen.
Da habt ihr alles, was die Dornen bedeuten. Viele von euch werden fragen: “Ist es also Sünde, wenn man die Hausregel übertritt?” Ich habe schon ernstlich darüber nachgedacht und antworte euch nun mit einem bestimmten “Ja”. Ich sage nicht es sei eine schwere oder eine leichte Sünde. Das hängt von den Umständen ab; aber Sünde ist es.
Man wird einwenden: “In den Geboten Gottes steht doch nicht, wir müßten die Hausregel befolgen. ” Hört zu! Es ist aber in den Geboten enthalten: “Du sollst Vater und Mutter ehren', heißt es. Wißt ihr auch, was die Worte Vater und Mutter bedeuten? Sie schließen auch diejenigen mit ein, welche die Stelle von Vater und Mutter vertreten. Es steht aber in der Heiligen Schrift: ‚Gehorchet euren Vorgesetzten!' Es ist doch klar, daß sie zu befehlen haben und ihr gehorchen müßt. Das ist der Ursprung der Hausregel des Oratoriums und darum ist sie verpflichtend.
2. Einige hatten zwischen ihren Blumen auch Nägel. Nägel haben dazu gedient, den lieben Heiland ans Kreuz zu schlagen. Wie kamen nun die Nägel unter die Blumen? Man fängt mit Kleinigkeiten an und aus Kleinem wird Großes. Da wollte einer Geld haben unter einem gewissen Vorwand. Nachher wollte er es nicht abgeben, um es auf seine Art ausgeben zu können. Hernach fing er an, seine Schulbücher zu verkaufen und schließlich stahl er dem Kameraden Geld und andere Dinge. Ein anderer wollte seiner Gaumenlust fröhnen und stahl daher Flaschenwein. Er erlaubte sich allerhand und fiel — kurz gesagt — in schwere Sünden. Ihr seht also, wie die Nägel zwischen die Blumen kamen und wie der Heiland aufs neue ans Kreuz geschlagen wurde. Der Apostel sagt: “Rursus crucifigentes filium Dei — sie schlugen ihn aufs neue ans Kreuz.”
3. Viele Jungen hatten zwischen frischen und duftenden Blumen auch verwelkte und faule in ihrem Strauß; aber auch recht schöne waren dabei, die jedoch nicht dufteten. Die verwelkten und faulenden Blumen bedeuten gute Werke, aber im Stande der Todsünde verrichtet, die also nicht verdienstvoll sind. Blumen, die nicht duften, sind guten Werken vergleichbar, die der Menschen wegen, aus Ehrgeiz, oder um Lehrern und Vorgesetzten zu gefallen, verrichtet wurden. Daher machte der Engel den Jungen Vorwürfe, weil sie es wagten, der Gottesmutter solche Gaben darzubringen. Er schickte sie zurück, damit sie ihren Blumenstrauß in Ordnung brächten. Daraufhin ordneten sie ihn aufs neue, banden ihn zusammen wie vorher und übergaben ihn dem Engel, der ihn dann entgegennahm und auf den Altar legte. Diese Jungen hielten sich aber nicht an eine gewisse Ordnung, sondern brachten ihren Strauß später in Ordnung, übergaben ihn und stellten sich dann zu jenen Jungen, die einen Kranz erhalten hatten.
In diesem Traum sah ich alles, was bei meinen Jungen vorgeht, wie sie waren und wie sie sein werden. Vielen von ihnen habe ich es schon gesagt, den andern werde ich es noch mitteilen. Tragt aber Sorge, daß die reinste Jungfrau von euch nur Gaben bekommt, die nicht zurückgewiesen werden müssen.”
Aus diesem Traum könnte man entnehmen, daß Maria nicht nur Mittlerin aller Gnaden ist, sondern daß sie auch alle unsere guten Werke für Gott annimmt und daß die Engel zwischen Maria und uns stehen.
Don Bosco hat die Nutzanwendung aus diesem Traum gezogen. Er hat den Lohn der Tugend hervorgehoben und ebenso die Strafe für böse Taten, die bei Jungen in einem Internat vorkommen können.
DIE GEFAHRVOLLE MEERFAHRT
(Lem. VIII, 275-282)
Am Abend des Neujahrstages 1866 erzählte Don Bosco vor der versammelten Schar seiner Jungen den folgenden Traum:
“Mir schien es, als befände ich mich irgendwo in der Nähe von Castelnuovo d'Asti; es war aber anderswo. Alle Jungen des Oratoriums spielten vergnügt auf einer großen Wiese. Da kamen plötzlich Wasserfluten heran. Eine Überschwemmung drohte uns von allen Seiten. Das Wasser schwoll ständig an und kam immer näher. Der Po war über seine Ufer getreten und gewaltige, alles verheerende Wassermassen überfluteten das Land.
Von Schreck überwältigt eilten wir auf eine große, alleinstehende Mühle zu, deren Mauern so dick waren wie die einer Festung. In ihrem Hof blieb ich mit meinen Jungen stehen. Die Wassermassen drangen aber bis dorthin vor. So waren wir alle gezwungen, uns in das Haus zurückzuziehen. Bald mußten wir sogar die obersten Räume beziehen. Vom Fenster aus überschauten wir die Überschwemmung. Die Wasserfläche reichte wie ein ungeheurer See von den Hügeln bei Superga bis zu den Alpenwiesen. Wir sahen die Wasserfläche, aber keine bebauten Felder, Gemüsegärten, Wälder, Bauernhöfe, auch keine Dörfer und Städte mehr. Beim Ansteigen des Wassers waren wir bis in den obersten Stock des Gebäudes gestiegen. Da alle Hoffnung auf menschliche Hilfe geschwunden war, begann ich, meinen lieben Jungen Mut zu machen. Ich sagte ihnen, sie sollten sich mit vollstem Vertrauen den Händen Gottes überlassen und in die Arme unserer lieben himmlischen Mutter flüchten.
Bald jedoch war das Wasser sogar bis zum obersten Stock gestiegen. Da waren alle sehr erschrocken. Wir sahen keine andere Rettung mehr, als uns auf ein großes Floß, eine Art Schiff, zurückzuziehen, das in jenem Augenblick aufgetaucht war und nahe an uns vorbeischwamm.
Jeder atmete bei dessen Anblick erleichtert auf und versuchte, sich als erster zu retten. Es wagte aber doch keiner, weil das Schiff sich dem Haus nicht ganz nähern konnte. Eine Mauer, die etwas aus dem Wasser ragte, hinderte es daran. Um hinüber zu kommen, bot sich nur ein langer, schmaler Baumstamm als Hilfsmittel. Es war jedoch sehr schwer hinüberzugehen, denn der Stamm ruhte mit einem Ende auf dem Boot und senkte sich mit diesem, wenn es von den Wellen geschaukelt wurde.
Ich faßte Mut und ging als erster hinüber. Um die Jungen zu beruhigen und das Überschreiten zu erleichtern, bestimmte ich einige Kleriker oder Priester, welche die Übersteigenden etwas stützen und den Ankommenden vom Boote aus die Hand reichen sollten. Aber merkwürdig, von dieser leichten Arbeit wurden die Kleriker und Priester so müde, daß der eine hier, der andere dort vor Ermüdung umsank. Das gleiche geschah auch jenen, die an ihre Stelle traten. Verwundert wollte ich es selber einmal probieren. Ich fühlte mich jedoch auch bald so matt, daß ich mich nicht mehr halten konnte. Indessen machten sich viele ungeduldige Jungen, vielleicht aus Angst oder um sich mutig zu zeigen, eine zweite Brücke. Sie hatten nämlich ein Brett gefunden, das lang genug und noch etwas breiter war als der Baumstamm. Sie warteten aber nicht auf die Hilfestellung der Kleriker und Priester, sondern wollten voreilig hinüberlaufen. Sie hörten auch nicht auf meine Warnung. Ich rief ihnen zu: “Halt, halt, wenn ihr nicht hineinfallen wollt!” So geschah es, daß viele, die von anderen gestoßen wurden oder das Gleichgewicht verloren, hinunterfielen und das Boot nicht erreichten. Von den trüben und faulen Wasserfluten wurden sie verschlungen und man sah sie nicht mehr. Bald sank dann die eigens gebaute Brücke ein mit allen, die darauf standen. Ihre Zahl war groß; ein Viertel all unserer Jungen wurde ein Opfer ihres Eigenwillens.
Bis jetzt hatte ich das eine Ende des Baumstammes festgehalten, derweil die Jungen hinübergingen. Da gewahrte ich, daß das Wasser noch über die hindernde Mauer gestiegen war und fand Mittel, das Floß dicht an die Mühle zu stoßen. Dort stand noch Don Cagliero mit dem einen Bein auf der Fenstermauer und mit dem andern auf dem Rand des Bootes. So ließ er die Jungen hinüberspringen, die noch in den Räumen der Mühle zurückgeblieben waren. Er reichte ihnen die Hand und half ihnen sicher auf das Floß.
Aber noch waren nicht alle Jungen gerettet. Einige waren auf den Speicher und von dort aus auf das Dach geklettert. Auf der höchsten Stelle hatten sie sich dicht aneinander gedrängt, während die Überschwemmung unaufhörlich stieg, ohne einen Augenblick auszusetzen. Schon hatte sie die Dachrinne überflutet und bedeckte einen Teil der Dachränder. Mit dem Wasser war aber auch das Boot gestiegen. Ich beobachtete die armen Jungen, die in so schrecklicher Bedrängnis waren, und rief ihnen zu, sie sollten recht innig beten, sich ganz still verhalten und mit den Armen ineinandergelegt herunterkommen, um nicht auszugleiten. Sie gehorchten und als das Floß an die Dachrinne herankam, gelangten alle von ihren Kameraden unterstützt, an Bord. Hier sah man in vielen Körben eine Menge Brot. Als wir alle auf dem Floß waren — immer noch unsicher, ob wir dieser Gefahr entrinnen würden — übernahm ich als Kapitän das Kommando und sagte zu den Jungen: “Maria ist der Meeresstern, sie verläßt keinen, der auf sie vertraut. Stellen wir uns alle unter ihren Schutz. Sie wird uns aus diesen Gefahren erretten und in einen ruhigen Hafen führen.”
Darauf überließen wir das Schiff den Wellen. Es kam in Bewegung, schwamm ruhig und bewegte sich von jenem Ort. (Facta est quasi navis institoris, de longe portans panem suum — es gleicht dem Schiff eines Kaufmanns und trägt von weit her sein Brot. Spr. 31/14.)
Die vom Winde gepeitschten Wogen stießen das Floß so schnell, daß wir, um nicht herunter zu fallen, uns eng aneinander drückten und gleichsam nur einen Körper bildeten.
Nachdem wir in kurzer Zeit eine große Strecke zurückgelegt hatten, hielt das Floß plötzlich an, drehte sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit um sich selbst. Es schien unterzugehen. Aber ein sehr heftiger Wind trieb es aus dem Strudel heraus. Dann schlug es einen regelmäßigeren Kurs ein. Wohl kam hin und wieder ein Wirbel, aber auch der rettende Wind und bald hielt das Schiff an einem trockenen Gestade. Es schien ein Hügel zu sein, der mitten aus dem Meer hervorragte und sehr schön aussah.
Viele Jungen waren davon ganz bezaubert. Sie sagten auch, der Herr habe die Menschen auf die Erde und nicht auf das Wasser gesetzt. Und ohne um Erlaubnis zu fragen, verließen sie jubelnd das Floß, luden uns auch ein, ihnen zu folgen und stiegen ans Ufer. Ihre Zufriedenheit dauerte aber nicht lange, denn die Fluten schwollen wieder an und bei einem plötzlichen Wüten eines gewaltigen Sturmes stiegen sie am Ufer empor. Nun stießen die unglücklichen Jungen verzweifelte Schreie aus. Sie standen bald bis an die Hüften im Wasser und verschwanden kopfüber in den Fluten. Da rief ich: “Ja, es ist wirklich wahr. “Wer nach seinem eigenen Kopf handeln will, muß aus seinem eigenen Geldbeutel bezahlen.”
Das Schiff drohte wiederum in der Gewalt des Sturmes unterzugehen. Ich schaute auf meine Jungen; sie waren bleich im Gesicht und keuchten. “Habt nur Mut”, rief ich ihnen zu, “Maria wird uns nicht verlassen. ” Wir verrichteten nun gemeinsam die Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und der Reue und beteten dann noch einige Vaterunser und Gegrüßte seist du Maria und zum Schluß noch das Salve Regina. Darauf hielten wir uns noch einmal knieend bei den Händen und jeder betete still für sich weiter. Trotz der Gefahr blieben einige jedoch ziemlich gleichgültig. Sie hatten sich aufgestellt, gingen hin und her, als wenn nichts wäre, lachten miteinander und machten sich fast lustig über die betende Haltung ihrer Kameraden. Da hielt das Schiff ganz plötzlich an, drehte sich schnell um die eigene Achse und ein wütender Sturm schleuderte jene Unglückseligen in die Fluten. Es waren dreißig Jungen. Kaum lagen sie in dem tiefen schlammigen Wasser, sah man nichts mehr von ihnen. Wir stimmten das Salve Regina an und flehten mehr denn je aus tiefstem Herzen um den Schutz des Meeressterns Maria.
Nun wurde es ruhig. Das Schiff schwamm wie ein Fisch immer weiter und wir wußten nicht, wohin es uns bringen würde. An Bord wurde eifrig und fortdauernd eine Rettungsaktion betrieben und alles getan, um zu verhindern, daß noch mehr Jungen ins Wasser fielen. Man gab sich auch alle Mühe, die Hineingefallenen zu retten. Es waren ja immer wieder einige, die sich unvorsichtig über die niedrigen Ränder des Floßes lehnten und ins Wasser fielen. Selbst ungezogene und schlimme Jungen waren dort, die ihre Kameraden an den Rand des Floßes riefen und dann ins Wasser stießen. Deswegen besorgten einige Priester kräftige Stangen und dicke Stricke und Angelhaken. Andere befestigten die Haken an den Stangen und teilten sie an einzelne aus. Manche standen schon mit erhobenen Stangen auf Posten. Sie schauten gespannt auf das Wasser und lauschten aufmerksam auf jeden Hilferuf. Kaum fiel ein Junge hinein, dann senkte sich die Stange und der Schiffbrüchige klammerte sich an das Seil oder wurde mit dem Haken an den Kleidern oder am Gürtel gepackt, herausgezogen und gerettet. Doch gab es auch Jungen, welche die Arbeit der Angler und der Kameraden, die Angelhaken bereiteten und verteilten, störten und behinderten. Die Kleriker hielten überall Aufsicht, um die Jungen in Ordnung zu halten; es waren nämlich viele.
Ich stand unter einer hohen Flagge, die in der Mitte aufgepflanzt war. Um mich herum waren viele Jungen, Priester und Kleriker, die meine Anordnungen ausführten. So lange sie fügsam waren und meinen Worten willig folgten, ging alles gut. Wir waren ruhig, zufrieden und fühlten uns sicher. Aber bald fanden einige das Floß unbequem. Sie fürchteten eine lange Reise, beklagten sich über die Gefahren und Entbehrungen, stritten um den Ort der Landung und überlegten, ob man nicht eine andere Zuflucht finden könnte. Sie gaben sich der törichten Hoffnung hin, es sei Land in der Nähe, wo man sichere Unterkunft finden könnte. Sie vermuteten, unser Proviant würde ausgehen und fragten sich untereinander, ob man nicht doch den Gehorsam verweigern sollte. Vergebens suchte ich sie mit Vernunftsgründen zu bewegen und zu überzeugen.
Plötzlich waren andere Flöße in Sicht. Sie nahmen jedoch einen anderen Kurs, als sie in unserer Nähe waren. Da beschlossen einige unkluge Jungen, sich von mir zu entfernen, ihren Launen zu folgen und selbst einen Versuch zu machen. Sie warfen einige Bretter ins Wasser, die auf unserem Floß lagen, und sie entdeckten auch einige, die nicht weit entfernt im Wasser schwammen und ziemlich breit waren. Sie sprangen darauf und entfernten sich auf ihnen. Es war eine unbeschreiblich schmerzliche Szene für mich. Sah ich doch diese Unglücklichen ihrem Untergang entgegentreiben. Der Wind blies scharf und die Wellen wurden stark bewegt. Einige Jungen versanken und wurden wild hin‑ und hergeschleudert. Andere gerieten in einen Strudel und wurden in die Tiefe gerissen. Wieder andere stießen auf Hindernisse an der Wasseroberfläche und verschwanden kopfüber in den Tiefen. Einigen gelang es, auf eines der Flöße zu springen, versanken aber bald darauf. Die Nacht war finster und schwarz. Von weitem hörte man die herzzerreißenden Schreie der Ertrinkenden. Alle gingen unter. ‚In mare mundi submergentur omes illi quos non suscipit navis ista‘m — Im Meere der Welt gehen alle unter, die nicht von diesem Boote — dem Schiff Mariens — aufgenommen werden.
DER ERSTE TRAUM — EIN HIMMLISCHER AUFTRAG
(Lemoyne 1, 123-125)
In seinen Memoiren berichtet Don Bosco selbst über den ersten visionären Traum, den er bereits in früher Jugend hatte:
“Als ich ungefähr neun Jahre alt war, hatte ich einen Traum, der mir mein ganzes Leben lang tief im Gedächtnis haften blieb. Im Traume schien es mir, als befände ich mich unweit meiner Heimat, auf einem sehr geräumigen Hof. Auf diesem hatte sich eine große Schar Jungen versammelt. Viele von ihnen liefen munter umher, lachten und spielten; nicht wenige aber fluchten. Als ich ihr Fluchen vernahm, stürzte ich sofort auf sie los. Ich wollte sie mit Schlägen und Schelten zum Schweigen bringen.
In dem Augenblick erschien ein hoheitsvoller Herr. Er stand im Mannesalter und war sehr schön gekleidet. Ein weißer Mantel umhüllte seine ganze Gestalt. Sein Antlitz leuchtete so stark, daß ich ihn nicht anzublicken vermochte.
Der Herr redete mich freundlich mit meinem Namen an und gab mir die Anweisung: “Stelle dich an die Spitze der Jungen! “Und er fügte noch hinzu: “Nicht mit Schlägen, sondern mit Milde, Güte und Liebe mußt du dir diese zu Freunden gewinnen. Fange daher sofort an, sie über die Häßlichkeit der Sünde und über den Wert der Tugend zu unterrichten.”
Ganz verwirrt und erschrocken gab ich zur Antwort, ich sei ein armer, unwissender Knabe und nicht fähig, mit diesen Jungen über Religion zu sprechen.
In dem Augenblick hörten die Jungen mit dem Lachen, Lärmen und Fluchen auf und scharten sich alle um den Herrn, der soeben gesprochen hatte. Fast ohne zu wissen, was ich tat, sagte ich: “Wer sind Sie eigentlich, daß Sie mir etwas Unmögliches befehlen?”
Der Herr antwortete: “Gerade weil dir diese Aufgabe unmöglich erscheint, mußt du sie durch Gehorsam und Erwerb der Wissenschaft möglich machen.”
Darauf fragte ich ihn: “Aber wie und wo kann ich mir das nötige Wissen aneignen?”
Seine Antwort lautete: “Ich werde dir eine Lehrmeisterin geben. Unter ihrer Leitung wirst du gelehrt werden. Ohne sie ist alles Wissen Torheit.”
“Wer sind Sie überhaupt”, fragte ich noch einmal, “daß Sie in dieser Art zu mir sprechen?”
Der Herr antwortete: “Ich bin der Sohn derer, die du dreimal am Tage grüßest, wie deine Mutter dich gelehrt hat.”
Darauf wagte ich zu sagen: “Meine Mutter hat mir verboten, mich ohne ihre Erlaubnis mit Personen zu unterhalten, die ich nicht kenne. Bitte nennen Sie mir daher Ihren Namen.”
Da sagte der Herr: “Frage meine Mutter nach meinem Namen!”
In dem Augenblick sah ich neben ihm eine Dame von majestätischem Aussehen. Sie war mit einem Mantel bekleidet, der über und über so strahlte, als wäre er mit hell leuchtenden Sternen besät. Der Herr sah, daß ich in meinen Fragen und Antworten immer verwirrter wurde und gab mir ein Zeichen, mich der Dame zu nähern. Diese faßte mich liebevoll bei der Hand und sagte zu mir: “Schau mal!” Ich blickte auf und nahm wahr, daß alle Jungen verschwunden waren. An ihrer Stelle aber sah ich eine Menge Ziegenböcklein, Hunde, Katzen, Bären und viele andere Tiere.
Die Dame sprach weiter: “Schau, dies ist dein Feld, hier mußt du arbeiten. Werde demütig, stark und tapfer; denn was du an diesen Tieren geschehen siehst, das sollst du an meinen Kindern tun.”
Hierauf blickte ich um mich und sah, daß an Stelle der wilden Tiere ebenso viele sanfte Lämmer erschienen. Diese hüpften vergnügt umher und blökten munter, als wollten sie den Herrn und die Dame herzlich begrüßen.
Immer noch im Traum begann ich zu weinen und bat die Dame, sich verständlicher auszudrücken; denn ich begriff nicht, was das alles bedeuten sollte. Darauf legte sie freundlich ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: “Zur gegebenen Zeit wirst du alles verstehen.”
Als sie das gesagt hatte, wurde ich durch irgendein Geräusch geweckt, und alles war verschwunden. —
Ich war wie betäubt. Mir war, als täten mir meine Hände noch von den Schlägen weh, die ich ausgeteilt hatte. Mein Gesicht schien von den Ohrfeigen zu schmerzen, die ich von den Lausbuben erhalten hatte. Zudem beschäftigten sich meine Gedanken mit der erhabenen Person und der Dame sowie mit dem Gehörten und Gesagten, so daß ich in jener Nacht keinen Schlaf mehr finden konnte.
Am folgenden Morgen erzählte ich meinen Traum im Familienkreise. Jeder der Angehörigen äußerte seine Meinung dazu. Der Bruder Josef sagte: “Du wirst einmal ein Hirte von Ziegen, Schafen oder sonstigen Tieren. ” Meine Mutter meinte: “Wer weiß, ob er nicht Priester werden muß. ” Anton brummte sehr trocken: “Vielleicht wirst du einmal ein Räuberhauptmann. ” Die Großmutter aber beschloß das Thema, indem sie sagte: “Man darf auf Träume nichts geben.”
Ich selber stimmte der Meinung meiner Großmutter zu, doch konnte ich den Traum nie aus dem Gedächtnis bringen.”
(Lem. 1, 244)
Als Johannes Bosco 16 Jahre alt war, wiederholte sich der Traum. Er selber erzählte ihn folgendermaßen:
“Im Traum sah ich eine vornehme Dame auf mich zukommen. Sie führte eine überaus große Herde an. Als sie nahe bei mir war, redete sie mich mit folgenden Worten an: Schau, Johannes, diese ganze Herde vertraue ich deiner Obhut an.”
Da fragte ich: “Wie soll ich es anstellen, so viele Schafe und Lämmer zu hüten und zu betreuen? Wo finde ich die nötigen Weiden, auf die ich sie führen könnte?”
Die Dame antwortete mir: “Habe keine Angst; ich werde dir beistehen.”
Darauf verschwand sie.
(Lem. 1, 305)
Mit 19 Jahren wiederholte sich der erste Traum noch einmal. Im Traum sah Johannes Bosco eine erhabene, majestätische Person, die weiß gekleidet war und in hellem Glanz erstrahlte. Der vornehme Herr war damit beschäftigt, eine überaus zahlreiche Jungenschar zu leiten. Er wandte sich an Johannes und sagte: “Komm her, stelle dich an die Spitze dieser Jungen und führe du sie an!”
Darauf antwortete Johannes Bosco, er sei nicht fähig, so viele Tausende von Jugendlichen zu unterrichten und zu leiten.
Die hoheitsvolle Person aber bestand gebieterisch auf ihrem Befehl, bis Johannes sich an die Spitze der großen Jungenschar stellte und sie auftragsgemäß zu führen begann.
DIE RABEN
(Lem. VII, 649-651)
Am 14. April 1864 erzählte Don Bosco folgende zwei Träume, die er einige Nächte vorher gehabt hatte:
“Am 3. April, in der Nacht vor dem Weißen Sonntag, schien es mir im Traum, als befände ich mich auf einem Balkon und sähe die Jungen beim Spiel. Da plötzlich sah ich, wie sich ein großes weißes Laken über den ganzen Hof herniedersenkte und ihn bedeckte; die Jungen spielten aber weiter. Während ich sie noch beobachtete, sah ich eine große Menge Raben. Sie flatterten und kreisten über dem Tuch umher. Schließlich entdeckten sie die Ränder des Tuches, flogen darunter, stürzten sich auf die Jungen und hieben mit ihrem Schnabel auf sie ein. Der Anblick erregte Mitleid. Dem einen Jungen hackten sie die Augen aus, einem anderen zerhackten sie die Zunge, einem dritten zerhieben sie die Stirne, und wieder einem anderen zerrissen sie das Herz.
Was mich aber am meisten in Erstaunen setzte, war die Feststellung, daß keiner schrie oder sich beklagte, sondern alle blieben kalt, ja sogar gefühllos und suchten sich nicht zu verteidigen.
“Träume ich vielleicht”, sagte ich, “oder bin ich wach? Wenn ich nicht träume, wie ließe sich dann erklären, daß die Jungen sich so mißhandeln lassen ohne vor Schmerz zu schreien?” Aber kurz darauf hörte ich ein allgemeines Wehklagen. Dann sah ich, wie die Verwundeten sich erregten, und ich hörte wie sie schrieen und lärmten und sich von den übrigen absonderten. Verwundert darüber überlegte ich, was das bedeuten sollte. “Vielleicht”, so dachte ich, hängt es mit dem Weißen Sonntag zusammen. Will der Herr uns zeigen, was seine Gnade für uns alle zu bedeuten hat? Die Raben versinnbilden Teufel, welche die Jungen angreifen.”
Während ich das erwog, hörte ich ein Geräusch und erwachte. Es war schon Tag, und irgend jemand hatte an meiner Türe geklopft. Über alles das war ich nicht wenig erstaunt, als ich am Montag bemerkte, daß die Zahl der Kommunionen abgenommen hatte. Am Dienstag sank sie noch mehr und am Mittwoch waren es auffallend wenige, so daß ich zur halben Messe schon mit Beichthören fertig war. Ich wollte aber nichts sagen, denn die Exerzitien standen bevor. So hoffte ich, es würde alles in Ordnung kommen.
Gestern am 13. April hatte ich noch einen Traum. Ich hatte den ganzen Tag hindurch Beichte gehört und war in meinen Gedanken noch mit den Seelen der Jungen beschäftigt, wie das stets der Fall ist. Am Abend ging ich zu Bett, konnte aber keinen Schlaf finden. Erst nach einigen Stunden fing ich an zu schlafen. Es schien mir, als befände ich mich wieder auf dem Balkon und beobachtete von dort die spielenden Jungen. Ich gewahrte alle, auch die von den Raben Verwundeten. Ich sah überhaupt alles. Es erschien jemand mit einem kleinen Gefäß in der Hand, das Balsam enthielt und ein anderer, mit einem Leinentuch, begleitete ihn. Beide begannen die Wunden der Jungen zu behandeln. Die Wunden heilten, sobald sie vom Balsam berührt wurden. Einige Jungen jedoch machten sich davon, als sie die beiden herankommen sahen. Sie wollten nicht geheilt werden. Mir mißfiel es sehr, daß es nicht nur einzelne waren. Nun bemühte ich mich, ihre Namen auf ein Stück Papier zu schreiben; ich kannte nämlich alle. Während ich nun schrieb, erwachte ich und fand mich ohne Papier. Die Namen hatte ich mir aber durch das Schreiben ins Gedächtnis eingeprägt und jetzt weiß ich sie fast alle. Vielleicht habe ich auch einige vergessen; doch dürften es nur wenige sein. Jetzt setze ich meine Unterredung mit den Jungen fort. Mit einigen habe ich schon gesprochen. Ich werde mich bemühen, die Wunden aller zu heilen.
Legt dem Traum an Wichtigkeit bei, soviel ihr wollt; meinen Worten aber schenkt vollen Glauben. Es schadet eurer Seele nicht im geringsten. Ich möchte jedoch haben, daß keiner diese Dinge aus dem Oratorium trägt. Euch sage ich alles, möchte aber haben, daß ihr alles hier drinnen laßt.”
In der Unterredung mit seinen Jungen hat Don Bosco gewiß jedem einzelnen die entsprechende Erklärung zu diesem Traum gegeben und dabei auf das hingewiesen, was der Rabe, was die Verletzungen der Jungen und was deren Heilung zu bedeuten habe.
Der Rabe wird allgemein Galgenvogel genannt. Man spricht auch von einem Unglücksraben und man betrachtet ihn als Unheilverkünder und Pechvogel.
In diesem Traum versinnbildet der Rabe den bösen Geist, den Teufel, der die Menschen ins Unglück stürzen will, indem er sie blind macht für das Gute und stumm, wenn es sich darum handelt, ein offenes, reumütiges Bekenntnis in der Beichte abzulegen.
Er raubt den Menschen, die nicht vor ihm fliehen, gleichsam den Verstand, die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse und nimmt ihr Herz, ihre Liebe, für sich, d. h. für sündhafte Freuden, in Anspruch.
Der im zweiten Traum erwähnte Balsam bedeutet reumütiges Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, das wie Balsam wirkt. Die Behandlung mit dem Leinentuch versinnbildet die Abwaschung der Sünden im Bußgericht.
REBHÜHNER UND WACHTELN
(Lem. VIII, 11)
Diesen Traum hatte Don Bosco am 14. Januar 1865 und er erzählte ihn zwei Tage später seinen Jungen:
“Die Hälfte des Monats Januar ist schon verflossen. Wie habt ihr die Zeit benützt? Wenn es euch gefällt, erzähle ich euch heute abend einen Traum, den ich in der vorletzten Nacht hatte.
Ich war unterwegs mit den Jungen des Oratoriums und mit vielen anderen, die ich nicht kannte. Bei einem Weinberg hielten wir an, um zu frühstücken. Die Buben liefen herum in der Absicht, Früchte zu essen. Einer aß Feigen, ein anderer Trauben wieder andere Pfirsiche oder Pflaumen. Ich war mitten unter ihnen und schnitt Weintrauben ab. Auch pflückte ich Feigen und gab sie den Jungen. Dabei sagte ich: “Nun nimm und iß.”
Es schien mir, als träumte ich und es tat mir leid, daß es nur ein Traum sein sollte. Doch sagte ich mir: “Sei es wie es wolle; wir lassen die Jungen essen. ” Mitten in den Reihen gewahrte ich den Winzer. Als wir uns erquickt hatten, setzten wir unseren Weg durch den Weinberg fort. Das war aber sehr beschwerlich. Der Weinberg war nämlich, wie es zu sein pflegt, in seiner ganzen Länge von tiefen Furchen durchschnitten, so daß man zuweilen hinunter‑ und wieder hinaufsteigen oder gar springen mußte. Die Kräftigsten sprangen hinüber. Die Kleinsten taten es ihnen nach, gelangten aber nicht auf die dahinterliegende Reihe, sondern rollten in den Graben. Darüber machte ich mir Sorgen und ich spähte umher. Da sah ich eine Straße, die an der Seite des Weinbergs entlang ging. Nun wandte ich mich mit allen Jungen dorthin. Der Winzer hielt mich aber an und sagte: “Sehen Sie sich vor und gehen Sie nicht auf jener Straße X. Sie ist nicht gangbar, sie ist voll von Steinen, Dornen, Schmutz und Furchen. Setzen Sie den eben eingeschlagenen Weg fort. ” Ich antwortete: “Sie haben recht, aber diese ganz Kleinen können nicht über die Furchen kommen.”
“Oh, das ist schnell gemacht”, erwiderte er. “Die Größten mögen die Kleinen auf die Schultern nehmen; sie können springen, obwohl sie die Last tragen. ” Ich war nicht ganz davon überzeugt und ging mit meiner ganzen Schar zum Rand des Weinbergs an die Straße heran und stellte fest, daß der Winzer die Wahrheit gesagt hatte. Die Straße war in einem schrecklichen Zustand und unbrauchbar. Ich wandte mich an Don Francesia und sagte: “Incidit in Scyllam qui vult vitare Charybdim” (= Man verfällt der Scylla, wenn man die Charybdis meiden will. Ein Bild aus der Odyssee. Der Sinn entspricht unserem Sprichwort: Man kommt aus dem Regen in die Traufe). — Wir mußten nun den Rat des Winzers befolgen und den Pfad benützen, der neben der Straße herlief, um so gut wie möglich durch den ganzen Weinberg zu gelangen. Am Ende des Weinbergs stießen wir auf eine dichte Dornenhecke. Nur mit großer Mühe fanden wir einen Durchgang. Dann marschierten wir von einem hohen Hügel hinunter und gelangten in ein liebliches Tal, das ganz mit Gras und Bäumen bedeckt war. Mitten auf einer Wiese sah ich zwei frühere Zöglinge des Oratoriums. Kaum hatten sie mich erblickt, so kamen sie auf mich zu und begrüßten mich. Sie blieben stehen und sprachen mit den andern. Als sie sich so eine Weile unterhalten hatten, sagte einer von ihnen: “Sehen Sie da, wie schön!” Dabei zeigte er mir zwei Vögel, die er in der Hand hatte. “Was sind das für Tiere?”, fragte ich. “Ein Rebhuhn und eine Wachtel. Ich habe sie gefunden. ” “Lebt denn das Rebhuhn?”, fragte ich weiter. “Oh ja, sehen Sie es nur genau an. ” Und er gab mir ein schönes, nur einige Monate altes Rebhuhn. “Frißt es schon allein?” “Es fängt eben an. ” Während ich dem Tier etwas zu fressen gab, stellte ich fest, daß es den Schnabel in vier Teile gespalten hatte. Darüber wunderte ich mich und fragte den Jungen nach dem Grund dieser Erscheinung. Und er sagte: “Weiß Don Bosco wirklich nicht, was das heißen soll? Der in vier Teile gespaltene Schnabel des Rebhuhns bedeutet das gleiche wie dieses selbst. ” “Das verstehe ich nicht,” antwortete ich. “Das verstehen Sie nicht, obwohl Sie soviel studiert haben? Wie heißt Rebhuhn auf Latein?” “Perdix. ” Nun gut, da haben Sie den Schlüssel zu allem. ” “Sei so gut und hilf mir aus der Verlegenheit, ich verstehe nichts. ” “Dann betrachten Sie doch einmal die einzelnen Buchstaben, aus denen das Wort Perdix besteht.”
P: soll heißen ‚perseverantia' (= Ausdauer, Beharrlichkeit).
E: ‚Aeternitas te exspectat' (= die Ewigkeit erwartet dich).
R: ‚Referet unusquisque secundum opera sua, prout gessit, sive bonum, sive malum' (= einem jeden wird vergolten werden nach seinen Werken, je nachdem er Gutes oder Schlechtes getan hat).
D: ‚Dempto nomine' (= ausgelöscht ist jeder menschliche Ruhm, alle Ehre, Wissenschaft und Reichtum).
I: bedeutet ‚lbit'. So deuten die vier Teile des Schnabels die vier letzten Dinge des Menschen an.”
“Du hast recht. Das habe ich verstanden. Sag mir nun auch, wo du das X gelassen hast. Was soll denn dieser Buchstabe bedeuten?” “Wie, Sie haben doch Mathematik studiert und wissen nicht was X bedeutet?” “X ist die Unbekannte. ” “Statt dessen kann man auch sagen ‚der Unbekannte', nämlich der unbekannte Ort: an einen unbekannten Ort wird er kommen (in locum suum — an seinen Ort)”. Während ich mich über diese Erklärung wunderte und doch überzeugt war, fragte ich ihn: “Schenkst du mir dieses Rebhuhn? O ja, sehr gerne. Wollen Sie auch die Wachtel sehen?”
Da hielt er mir eine prächtige Wachtel hin; sie sah wenigstens so aus. Ich nahm sie entgegen, hob ihre Flügel etwas hoch und sah, daß sie voll Wunden war und ganz unrein und eitrig aussah. Auch roch sie ekelhaft. Ich fragte nun den Jungen, was das zu bedeuten habe. Er antwortete: “Priester, Priester, das weißt Du nicht und hast doch die Heilige Schrift studiert! Weißt Du nicht mehr, daß die Hebräer in der Wüste murrten und Gott ihnen die Wachteln sandte? Sie aßen davon und hatten noch das Fleisch zwischen den Zähnen, als viele tausend durch die Hand des Herrn bestraft wurden. Also bedeutet diese Wachtel, daß der Gaumen mehr tötet als das Schwert; hier liegt die Quelle der meisten Sünden.”
Ich dankte dem Jungen für seine Erklärung. Inzwischen tauchten in Hecken, auf Bäumen und im Gras Rebhühner und Wachteln in großer Zahl auf. Sie glichen denen, welche der Knabe in der Hand hielt, der mit mir gesprochen hatte. Die Jungen aber fingen an, Jagd auf die Vögel zu machen und sorgten so für ihre Mahlzeit.
Dann machten wir uns wieder auf den Weg. Alle, die von den Rebhühnern gegessen hatten, waren kräftig und setzten ihren Weg fort. Diejenigen aber, die Wachteln gegessen hatten, blieben im Tal. Sie folgten mir nicht, blieben auch nicht beisammen und ich verlor sie aus dem Auge und sah sie nicht wieder. — Der Traum dauerte die ganze Nacht. Am Morgen war ich so müde und erschöpft, daß ich mir vorkam, als wäre ich die ganze Nacht auf Reisen gewesen.
Ich wünsche dringend, daß diese Dinge, die ich euch hier erzählt habe, nicht außerhalb des Oratoriums weitererzählt werden. Unter euch könnt ihr darüber sprechen, soviel ihr wollt; tragt aber nichts aus dem Haus.”
(Lem. VIII, 16-17)
In der Abendansprache am 18. Januar kam Don Bosco noch einmal auf den Traum zu sprechen. Er sagte: “Ihr wollt doch sicher mehr über den Traum wissen. So will ich erklären, was Wachtel und Rebhuhn bedeuten. Das Rebhuhn bedeutet — klar ausgedrückt — die Tugend, die Wachtel das Laster. Warum die so schön aussehende Wachtel bei näherem Zuschauen Wunden unter den Flügeln hatte und ganz ekelhaft roch, wißt ihr und brauche ich euch nicht zu erklären; es sind schändliche Dinge. Einigen Jungen schmeckte die Wachtel gut. Sie aßen mit Gier davon, obwohl das Fleisch faul war. Das sind jene, die sich dem Laster ergeben.
Andere aßen vom Rebhuhn. Es sind solche, welche die Tugend lieben und darum auch üben. Manche hielten in der einen Hand eine Wachtel und in der anderen ein Rebhuhn. Sie aßen aber von der Wachtel. Das sind jene, die zwar die Schönheit der Tugend kennen, wollen aber mit der Gnade, die Gott ihnen schenkt, nicht mitwirken, um tugendhaft zu werden.
Wieder andere, die in der einen Hand ein Rebhuhn und in der anderen eine Wachtel hielten, aßen zwar vom Rebhuhn, warfen aber begehrliche und gierige Blicke nach der Wachtel. Das sind jene, welche die Tugend zwar üben, aber nur mit viel Mühe und Anstrengung. An ihnen kann man zweifeln, ob sie sich ändern oder doch bei der nächsten Gelegenheit fallen werden.
Manche aßen vom Rebhuhn, während Wachteln vor ihnen herumflatterten; diese Jungen schauten aber nicht darauf, sondern fuhren fort, ihr Rebhuhn zu essen. Das sind jene, die tugendhaft sind und das Laster verabscheuen und verachten. Einige aßen ein wenig vom Rebhuhn und ein wenig von der Wachtel. Bei ihnen wechselt die Tugend mit dem Laster ab. Sie geben sich einer Täuschung hin, indem sie meinen, nicht schlecht zu sein . . .
Ihr werdet fragen: “Wer von uns aß Wachteln und wer vom Rebhuhn?” Vielen habe ich es schon gesagt; die anderen mögen, wenn sie wollen, zu mir kommen, und ich werde es ihnen sagen.”
Don Lemoyne geht noch näher auf das Bild des Rebhuhns ein und bemerkt dazu, es sei ein sehr schlauer Vogel, der sich mit besonderer Gewandtheit dem Jäger entziehen und sein Nest schützen kann.
Dieser Traum Don Boscos bedarf keiner weiteren Erklärung. Der Heilige hat sie selbst gegeben und setzte daher auch mit Recht voraus, daß seine Jungen Sinn und Lehre dieses Traumes verstanden hätten.
DAS GEBET UND DIE TUGEND
(Lem. VIII, 33-34)
Den folgenden Traum erzählte Don Bosco seinen Jungen am 6. Februar 1865:
“Vor zwei oder drei Abenden habe ich etwas ganz Besonderes geträumt. Wollt ihr haben, daß ich euch meinen Traum erzähle? Weil ich meine Jungen liebe, sind sie mir im Traume immer nahe.
Mir schien es, als stände ich mitten im Hof von meinen Jungen umgeben. Jeder von ihnen hatte eine schöne Blume in der Hand; der eine eine Rose, der andere eine Lilie, wieder ein anderer ein Veilchen. Es hielt also der eine diese, der andere jene Blume in der Hand. Da erschien plötzlich eine häßliche Katze. Sie war so groß wie ein Hund. Sie war pechschwarz und hatte Hörner. Ihre großen Augen waren wie glühende Kohlen, ihre Krallen waren so stark wie Nägel und sie hatte auch einen unförmig dicken Bauch. Diese häßliche Bestie näherte sich langsam und ruhig den Jungen und strich dann mitten unter ihnen einher. Plötzlich schlug sie einen mit ihrer Tatze auf die Erde. Das gleiche tat sie bei andern Jungen. Beim Erscheinen dieser großen Katze erschrak ich und wunderte mich, als ich sah, daß die Jungen sich nicht im geringsten daran störten und sich so verhielten, als wäre nichts geschehen.
Als ich bemerkte, daß die Katze auf mich losging, um mir meine Blume zu entreißen, ergriff ich die Flucht. Man hielt mich aber auf und sagte: “Nicht fortlaufen! Sag deinen Jungen, sie sollen den Arm hochheben; dann kann die Katze nicht an die Blumen heranreichen, um sie ihnen aus der Hand zu reißen. ” Ich blieb stehen und hob den Arm hoch. Die Bestie strengte sich an und versuchte mir die Blume zu entreißen. Sie sprang hoch, um an die Blume heranzukommen. Sie konnte sie aber nicht erreichen, da sie zu schwer war, und plumps fiel sie zur Erde nieder.
Die Lilie, meine lieben Jungen, stellt die schöne Tugend der Reinheit dar, gegen die der Teufel immer wieder Krieg führt. Wehe den Jungen, die diese Blume nicht hochhalten! Der Teufel nimmt sie ihnen und läßt sie fallen. Jene halten sie nicht hoch, die ihren Körper verwöhnen, die im Essen keine Ordnung und kein Maß halten, die außer den Mahlzeiten essen und trinken. Es sind solche, die jeder Anstrengung, auch dem Studium, aus dem Wege gehen und sich dem Müßiggang hingeben. Ferner jene, denen gewisse Bücher und Reden gefallen und die jede Abtötung fliehen. Um Gottes willen, flieht und bekämpft diesen Feind, sonst wird er Herr über euch! Den Sieg zu erlangen ist nicht leicht; die Ewige Weisheit hat aber Mittel dazu bereitgestellt: Hoc autem genus non ejicitur nisi per orationem et jejunium” (= diese Art — von Teufeln — wird nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben) Matth. 17, 20.
Haltet eure Arme, haltet eure Blumen hoch und ihr seid sicher. Reinheit ist eine himmlische Tugend und wer sie bewahren will, muß sich gegen den Himmel emporrecken. Rettet euch also durch das Gebet.
Gebete, die euch zum Himmel erheben, sind das Morgen- und Abendgebet, sofern sie gut verrichtet werden. Gebete sind auch Betrachtung und die hl. Messe; Gebete sind öftere Beichte und Kommunion; Gebete sind die Predigten und Ansprachen der Obern; Gebet ist die Besuchung des Allerheiligsten, der Rosenkranz und auch das Studium. Wenn ihr Gebete verrichtet, wird euer Herz sich ausdehnen wie ein Luftballon und sich zum Himmel erheben und dann könnt ihr mit David sprechen: “Viam mandatorum tuorum cucurri, cum dilatasti cor meum” (= den Weg deiner Gebote will ich wandeln, denn du hast mein Herz weit gemacht) Ps. 118, 32. Auf diese Weise bringt ihr die schönste der Tugenden in Sicherheit und der Feind mag sich noch so sehr anstrengen, er kann sie euren Händen nicht entreißen.”
(Lem. VIII, 40)
Am 13. Februar 1865 kam Don Bosco noch einmal auf diesen Traum zu sprechen: “Ich habe euch gesagt, daß diese häßliche Bestie der Teufel war, der euch zugrunde richten möchte. Als ich euch das sagte, glaubte ich im Hinblick auf euch, das entspräche nicht der Wirklichkeit, es sei nur ein Phantasiegebilde. Zu meinem großen Leidwesen muß ich aber sagen, daß die Katze auch unter euch großes Unheil angerichtet hat. Es ist zwar nicht so, daß der größte Teil von euch gefehlt hätte; in Anbetracht der großen Zahl von Jungen in unserem Haus ist es nur eine kleine Minderheit, die gefehlt hat. Und doch ist diese Minderheit noch viel größer als ich glauben wollte. Hier im Oratorium ereigneten sich im Ablauf weniger Tage Dinge, die man bisher niemals darin beobachten konnte.”
Zu diesem Traum läßt sich sagen: Die vielen Bemühungen Don Boscos um seine Jungen hatten als Ziel, tugendhafte Menschen aus ihnen zu machen. Mit diesen eindringlichen Worten hatte er sie oft ermahnt: “Jungen, bewahrt in euren Herzen den Schatz der Tugend. Wenn ihr den besitzt, habt ihr alles; wenn ihr ihn aber verliert, werdet ihr die Unglücklichsten der Welt” (Lem. III, 11).
Als schönsten Schmuck bezeichnete Don Bosco die Tugenden, der Reinheit, der Demut, des Gehorsams und der Liebe” (IV, 748). An erster Stelle nennt er die Reinheit. In diesem Traum wird sie — wie in der Regel — mit der Lilie verglichen.
Mit der Erzählung dieses Traumes wollte der Heilige den Jungen das Wort der Schrift einprägen: “Wachet und betet” (Matth. 24/42); denn “wer betet, der wird gerettet” (St. Alfons).
DER TEUFEL VERLEITET ZU ZERSTREUUNGEN
(Lem. VIII, 115-116)
Von Don Bosco am 1. Mai 1865 erzählt:
“Im Traum sah ich mich in einer Kirche, die von Jungen ganz gefüllt war. Nur wenige gingen zur hl. Kommunion. An der Kommunionbank stand ein großer Mann in schwarzer Kleidung. Er hatte Hörner und hielt einen Apparat in der Hand. Einigen Jungen zeigte er verschiedene Sachen, die in dem Apparat zu sehen waren. Den einen ließ er die ganze vom Spiel belebte Erholungspause sehen. Er interessierte sich vor allem für sein Lieblingsspiel. Einem anderen zeigte er frühere Spiele, an denen er Vergnügen fand in der Hoffnung auf zukünftige Siege beim Spiel. Dann zeigte er einem seine Heimat, seine Spaziergänge daselbst, Felder und Vaterhaus; einem andern den Studiersaal, die Bücher, Arbeiten und seine Helfer. Dem nächsten zeigte er Obst, Süßigkeiten und den Wein, den er im Koffer hatte, und wieder einem andern seine Eltern und Freunde.
Aber auch Schlimmeres ließ er sie schauen, nämlich ihre Sünden und nicht abgegebenes Geld. Daher gingen nur wenige zu den hl. Sakramenten. Einige sahen ihre Ferienausflüge. Sie übersahen alles andere und betrachteten nur die früheren Gefährten ihrer Vergnügungen.
Wißt ihr, was dieser Traum bedeuten soll? Er will besagen, daß der Teufel sich anstrengt, die Jungen in der Kirche zu zerstreuen, um sie vom Empfang der hl. Sakramente fernzuhalten. Und die Jungen sind so unklug und gehen darauf ein.
Meine lieben Jungen! Dieses elende Teufelswerk muß man zerschlagen. Wißt ihr auch wie? Werft einen Blick auf das Kreuz und dann denkt daran, daß man sich dem Teufel in die Arme wirft, wenn man den Empfang der hl. Kommunion vernachlässigt.”
DIE PROZESSION ZUM MARIENALTAR
(Lem. VIII, 129-132)
Den folgenden Traum erzählte Don Bosco am 30. Mai 1865: “Ich erblickte einen großen Altar, der Maria geweiht und prächtig geschmückt war. Alle Jungen des Oratoriums sah ich in einer Prozession zum Altare schreiten. Sie sangen das Lob der reinsten Jungfrau, aber nicht alle in derselben Weise, obwohl alle das gleiche Lied sangen. Viele sangen wirklich genau und gut nach den Noten. Einige sangen lauter, andere leiser. Manche hatten eine heisere Stimme. Andere sangen falsch, wieder andere gingen schweigend weiter und lösten sich dann aus den Reihen. Einige gähnten und langweilten sich. Manche stießen sich auch an und lachten miteinander. Aber alle trugen Geschenke, um sie Maria darzubringen. Die meisten brachten einen Blumenstrauß. Diese Blumensträuße waren von verschiedener Größe und mannigfaltiger Art. Einer hatte einen Strauß Rosen, ein anderer Nelken, wieder ein anderer Veilchen usw. Einige brachten der allerseligsten Jungfrau wirklich seltsame Gaben. Die einen trugen einen Schweinekopf, die anderen eine Katze. Es war auch einer dabei, der eine Platte voll Kröten hatte, während andere ein Kaninchen, ein Lamm oder andere Dinge trugen.
Vor dem Altar stand ein schöner Jüngling. Wenn man genau hinschaute, sah man Flügel. Vielleicht war es der Schutzengel des Oratoriums. So wie die Jungen nach und nach herankamen und ihre Gaben darbrachten, nahm er diese in Empfang und legte sie auf den Altar.
Die ersten brachten herrliche Blumensträuße und der Engel legte sie, ohne etwas zu sagen, auf den Altar. Andere — in großer Zahl — reichten ihm ihre Blumensträuße. Er betrachtete sie und nahm sie auseinander. Verdorbene Blumen nahm er heraus und warf sie weg. Dann fügte er die Blumen wieder zu einem Strauß zusammen und legte sie auf den Altar. Einige hatten schöne Blumensträuße, aber Blumen dazwischen, die nicht dufteten, wie Dohlen, Kamelien u. a. Der Engel ließ sie herausnehmen, weil Maria nur Wirklichkeit und nicht den Schein liebt. Wenn dann der Strauß neu geordnet war, brachte der Engel ihn der heiligsten Jungfrau dar. Viele hatten zwischen ihren Blumen sogar Dornen und Nägel, die der Engel wegnahm.
Schließlich kam der Junge heran, der einen Schweinekopf trug. Der Engel sagte zu ihm: “Hast du wirklich den Mut, diese Gabe Maria anzubieten? Weißt du auch, was das Schwein bedeutet? Das häßliche Laster der Unkeuschheit. Die reinste Jungfrau Maria kann diese Sünde nicht ertragen. Ziehe dich also zurück; du bist nicht würdig vor ihr zu stehen.”
Dann kamen Jungen, die eine Katze trugen und der Engel sagte ihnen: “Ihr wagt es, der Gottesmutter solche Sachen anzubieten? Wißt ihr nicht was eine Katze bedeutet? Sie versinnbildet den Diebstahl und ihr bringt sie noch der heiligsten Jungfrau! Diebe seid ihr, Diebe, die den Kameraden Geld, Sachen, Bücher und sogar Eßwaren wegnehmen. Ihr seid solche, die aus Ärger und Bosheit Kleider zerreißen und das Geld der Eltern vergeuden, weil sie die Zeit zum Lernen der Schulaufgaben nicht ausnutzen.”
Dann ließ er auch diese beiseite treten.
Nun kamen diejenigen Jungen, welche Platten mit Kröten trugen. Der Engel schaute sie zornig an. “Die Kröten versinnbilden die schändlichen Sünden des Ärgernisgebens und ihr wollt sie der reinsten Jungfrau bringen? Zurück! Fort mit euch zu den übrigen Unwürdigen!” Da zogen sie sich verwirrt zurück.
Es kamen auch einige heran, die einen Dolch im Herzen trugen. Der Dolch bedeutet Sakrilegien. Der Engel sagte ihnen: “Merkt ihr nicht, daß ihr den Tod in der Seele habt? Daß ihr Überhaupt noch lebt, ist ein besonderes Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. Ihr wäret sonst verloren. Um Gottes Willen, laßt euch diesen Dolch herausnehmen!” Auch diese wurden zurückgewiesen.
Nach und nach kamen alle Jungen heran. Es wurden Lämmer, Kaninchen, Fische, Nüsse, Trauben und andere Sachen geopfert. Der Engel nahm alles und legte es auf den Altar.
Nachdem er die guten Jungen von den schlechten geschieden hatte, ließ er alle, deren Gaben von Maria angenommen worden waren, sich vor dem Altar aufstellen. Leider waren diejenigen, die er fortgeschickt hatte, und die an der Seite standen, zu meinem Schmerz viel zahlreicher als ich geglaubt hatte.
Nun erschienen zu beiden Seiten des Altares noch zwei andere Engel. Diese brachten zwei Körbe voll herrlicher Kränze, die aus prächtigen Rosen geflochten waren. Es waren eigentlich keine natürlichen Rosen, sondern künstliche, ein Sinnbild der Unsterblichkeit.
Der Schutzengel nahm darauf die Kränze, einen nach dem andern, und schmückte damit alle Jungen, die um den Altar standen. Die Kränze waren verschieden groß, aber alle von einer wunderbaren Schönheit. Denkt euch nur, da waren nicht nur die Jungen anwesend, die sich zur Zeit im Oratorium befinden, sondern auch noch viele andere, die ich noch niemals gesehen hatte.
Nun geschah etwas ganz Auffallendes. Da waren so häßliche Jungen, daß sie fast Ekel und Abscheu einflößten. Diese erhielten die schönsten Kränze, um anzudeuten, daß ein so häßliches Äußere durch das Geschenk der Tugend der Keuschheit in hervorragendem Maße ersetzt wird. Viele andere hatten dieselbe Tugend, aber in weniger hohem Grad erworben. Wieder andere zeichneten sich durch die Übung anderer Tugenden aus, wie Gehorsam, Demut und Gottesliebe. Alle erhielten Kränze, die dem Grad ihrer Tugenden entsprachen. Darauf sagte ihnen der Engel: “Es war der Wunsch Mariens, euch heute mit so schönen Kränzen zu zieren. Bedenkt aber auch, daß ihr weiter fortfahren müßt, die Tugenden zu üben, damit sie euch nicht genommen werden. Behaltet auch im Gedächtnis, daß es Mittel gibt, im Tugendleben beharrlich zu sein. Es sind: 1. Demut, 2. Gehorsam, 3. Keuschheit. Übt diese drei Tugenden, dann werdet ihr von Maria geliebt und ihr werdet dadurch würdig werden, eines Tages eine Krone zu empfangen, die unendlich schöner ist als dieser Kranz. Dann stimmten die Jungen vor dem Altar das ‚Ave maris stella' — Meerstern ich dich grüße — an.
Nach dem Gesang der ersten Strophe zog die Prozession, so wie sie gekommen war, wieder ab. Dabei sangen die Jungen das Lied: Lobet Maria, ihr gläubigen Zungen. Ihre Stimmen waren so laut, daß ich ganz verblüfft und verwundert war. Ich folgte noch eine Weile und entfernte mich dann, um die Jungen zu sehen, die der Engel beiseite stehen gelassen hatte. Ich sah sie aber nicht mehr.
Meine Lieben! Ich weiß, welche Jungen vom Engel bekränzt und welche fortgejagt wurden. Den einzelnen werde ich es sagen, damit sie sich in Zukunft bemühen, der reinsten Jungfrau solche Gaben zu bringen, die sie auch gerne annimmt. —
Nun noch einige Bemerkungen:
1. Alle brachten der lieben Jungfrau Maria Blumen, und zwar von allen Sorten. Ich beobachtete aber auch, daß alle zwischen den Blumen mehr oder weniger Dornen hatten. Ich dachte lange nach, was diese Dornen wohl bedeuten könnten und kam zu der Überzeugung, daß sie Ungehorsam darstellten: Geld behalten ohne Erlaubnis des Präfekten und ohne die Absicht es ihm abgeben zu wollen; fragen, ob man an einen bestimmten Ort gehen darf und dann doch an einen anderen gehen; zu spät in die Schule kommen, wenn die anderen schon da sind; sich heimlich Salat und andere Speisen bereiten; in die Schlafsäle der anderen gehen, obwohl es streng verboten ist, gleich unter welchem Vorwand; beim Wecken nicht gleich aufstehen; die vorgeschriebenen Andachtsübungen auslassen; schwätzen in der Zeit des Stillschweigens; Bücher kaufen ohne sie vorzuzeigen; Briefe durch Mittelspersonen fortschicken, damit sie nicht gesehen werden und auf dieselbe Art Briefe empfangen; untereinander Abmachungen treffen, Käufe und Verkäufe tätigen.
Da habt ihr alles, was die Dornen bedeuten. Viele von euch werden fragen: “Ist es also Sünde, wenn man die Hausregel übertritt?” Ich habe schon ernstlich darüber nachgedacht und antworte euch nun mit einem bestimmten “Ja”. Ich sage nicht es sei eine schwere oder eine leichte Sünde. Das hängt von den Umständen ab; aber Sünde ist es.
Man wird einwenden: “In den Geboten Gottes steht doch nicht, wir müßten die Hausregel befolgen. ” Hört zu! Es ist aber in den Geboten enthalten: “Du sollst Vater und Mutter ehren', heißt es. Wißt ihr auch, was die Worte Vater und Mutter bedeuten? Sie schließen auch diejenigen mit ein, welche die Stelle von Vater und Mutter vertreten. Es steht aber in der Heiligen Schrift: ‚Gehorchet euren Vorgesetzten!' Es ist doch klar, daß sie zu befehlen haben und ihr gehorchen müßt. Das ist der Ursprung der Hausregel des Oratoriums und darum ist sie verpflichtend.
2. Einige hatten zwischen ihren Blumen auch Nägel. Nägel haben dazu gedient, den lieben Heiland ans Kreuz zu schlagen. Wie kamen nun die Nägel unter die Blumen? Man fängt mit Kleinigkeiten an und aus Kleinem wird Großes. Da wollte einer Geld haben unter einem gewissen Vorwand. Nachher wollte er es nicht abgeben, um es auf seine Art ausgeben zu können. Hernach fing er an, seine Schulbücher zu verkaufen und schließlich stahl er dem Kameraden Geld und andere Dinge. Ein anderer wollte seiner Gaumenlust fröhnen und stahl daher Flaschenwein. Er erlaubte sich allerhand und fiel — kurz gesagt — in schwere Sünden. Ihr seht also, wie die Nägel zwischen die Blumen kamen und wie der Heiland aufs neue ans Kreuz geschlagen wurde. Der Apostel sagt: “Rursus crucifigentes filium Dei — sie schlugen ihn aufs neue ans Kreuz.”
3. Viele Jungen hatten zwischen frischen und duftenden Blumen auch verwelkte und faule in ihrem Strauß; aber auch recht schöne waren dabei, die jedoch nicht dufteten. Die verwelkten und faulenden Blumen bedeuten gute Werke, aber im Stande der Todsünde verrichtet, die also nicht verdienstvoll sind. Blumen, die nicht duften, sind guten Werken vergleichbar, die der Menschen wegen, aus Ehrgeiz, oder um Lehrern und Vorgesetzten zu gefallen, verrichtet wurden. Daher machte der Engel den Jungen Vorwürfe, weil sie es wagten, der Gottesmutter solche Gaben darzubringen. Er schickte sie zurück, damit sie ihren Blumenstrauß in Ordnung brächten. Daraufhin ordneten sie ihn aufs neue, banden ihn zusammen wie vorher und übergaben ihn dem Engel, der ihn dann entgegennahm und auf den Altar legte. Diese Jungen hielten sich aber nicht an eine gewisse Ordnung, sondern brachten ihren Strauß später in Ordnung, übergaben ihn und stellten sich dann zu jenen Jungen, die einen Kranz erhalten hatten.
In diesem Traum sah ich alles, was bei meinen Jungen vorgeht, wie sie waren und wie sie sein werden. Vielen von ihnen habe ich es schon gesagt, den andern werde ich es noch mitteilen. Tragt aber Sorge, daß die reinste Jungfrau von euch nur Gaben bekommt, die nicht zurückgewiesen werden müssen.”
Aus diesem Traum könnte man entnehmen, daß Maria nicht nur Mittlerin aller Gnaden ist, sondern daß sie auch alle unsere guten Werke für Gott annimmt und daß die Engel zwischen Maria und uns stehen.
Don Bosco hat die Nutzanwendung aus diesem Traum gezogen. Er hat den Lohn der Tugend hervorgehoben und ebenso die Strafe für böse Taten, die bei Jungen in einem Internat vorkommen können.
DIE GEFAHRVOLLE MEERFAHRT
(Lem. VIII, 275-282)
Am Abend des Neujahrstages 1866 erzählte Don Bosco vor der versammelten Schar seiner Jungen den folgenden Traum:
“Mir schien es, als befände ich mich irgendwo in der Nähe von Castelnuovo d'Asti; es war aber anderswo. Alle Jungen des Oratoriums spielten vergnügt auf einer großen Wiese. Da kamen plötzlich Wasserfluten heran. Eine Überschwemmung drohte uns von allen Seiten. Das Wasser schwoll ständig an und kam immer näher. Der Po war über seine Ufer getreten und gewaltige, alles verheerende Wassermassen überfluteten das Land.
Von Schreck überwältigt eilten wir auf eine große, alleinstehende Mühle zu, deren Mauern so dick waren wie die einer Festung. In ihrem Hof blieb ich mit meinen Jungen stehen. Die Wassermassen drangen aber bis dorthin vor. So waren wir alle gezwungen, uns in das Haus zurückzuziehen. Bald mußten wir sogar die obersten Räume beziehen. Vom Fenster aus überschauten wir die Überschwemmung. Die Wasserfläche reichte wie ein ungeheurer See von den Hügeln bei Superga bis zu den Alpenwiesen. Wir sahen die Wasserfläche, aber keine bebauten Felder, Gemüsegärten, Wälder, Bauernhöfe, auch keine Dörfer und Städte mehr. Beim Ansteigen des Wassers waren wir bis in den obersten Stock des Gebäudes gestiegen. Da alle Hoffnung auf menschliche Hilfe geschwunden war, begann ich, meinen lieben Jungen Mut zu machen. Ich sagte ihnen, sie sollten sich mit vollstem Vertrauen den Händen Gottes überlassen und in die Arme unserer lieben himmlischen Mutter flüchten.
Bald jedoch war das Wasser sogar bis zum obersten Stock gestiegen. Da waren alle sehr erschrocken. Wir sahen keine andere Rettung mehr, als uns auf ein großes Floß, eine Art Schiff, zurückzuziehen, das in jenem Augenblick aufgetaucht war und nahe an uns vorbeischwamm.
Jeder atmete bei dessen Anblick erleichtert auf und versuchte, sich als erster zu retten. Es wagte aber doch keiner, weil das Schiff sich dem Haus nicht ganz nähern konnte. Eine Mauer, die etwas aus dem Wasser ragte, hinderte es daran. Um hinüber zu kommen, bot sich nur ein langer, schmaler Baumstamm als Hilfsmittel. Es war jedoch sehr schwer hinüberzugehen, denn der Stamm ruhte mit einem Ende auf dem Boot und senkte sich mit diesem, wenn es von den Wellen geschaukelt wurde.
Ich faßte Mut und ging als erster hinüber. Um die Jungen zu beruhigen und das Überschreiten zu erleichtern, bestimmte ich einige Kleriker oder Priester, welche die Übersteigenden etwas stützen und den Ankommenden vom Boote aus die Hand reichen sollten. Aber merkwürdig, von dieser leichten Arbeit wurden die Kleriker und Priester so müde, daß der eine hier, der andere dort vor Ermüdung umsank. Das gleiche geschah auch jenen, die an ihre Stelle traten. Verwundert wollte ich es selber einmal probieren. Ich fühlte mich jedoch auch bald so matt, daß ich mich nicht mehr halten konnte. Indessen machten sich viele ungeduldige Jungen, vielleicht aus Angst oder um sich mutig zu zeigen, eine zweite Brücke. Sie hatten nämlich ein Brett gefunden, das lang genug und noch etwas breiter war als der Baumstamm. Sie warteten aber nicht auf die Hilfestellung der Kleriker und Priester, sondern wollten voreilig hinüberlaufen. Sie hörten auch nicht auf meine Warnung. Ich rief ihnen zu: “Halt, halt, wenn ihr nicht hineinfallen wollt!” So geschah es, daß viele, die von anderen gestoßen wurden oder das Gleichgewicht verloren, hinunterfielen und das Boot nicht erreichten. Von den trüben und faulen Wasserfluten wurden sie verschlungen und man sah sie nicht mehr. Bald sank dann die eigens gebaute Brücke ein mit allen, die darauf standen. Ihre Zahl war groß; ein Viertel all unserer Jungen wurde ein Opfer ihres Eigenwillens.
Bis jetzt hatte ich das eine Ende des Baumstammes festgehalten, derweil die Jungen hinübergingen. Da gewahrte ich, daß das Wasser noch über die hindernde Mauer gestiegen war und fand Mittel, das Floß dicht an die Mühle zu stoßen. Dort stand noch Don Cagliero mit dem einen Bein auf der Fenstermauer und mit dem andern auf dem Rand des Bootes. So ließ er die Jungen hinüberspringen, die noch in den Räumen der Mühle zurückgeblieben waren. Er reichte ihnen die Hand und half ihnen sicher auf das Floß.
Aber noch waren nicht alle Jungen gerettet. Einige waren auf den Speicher und von dort aus auf das Dach geklettert. Auf der höchsten Stelle hatten sie sich dicht aneinander gedrängt, während die Überschwemmung unaufhörlich stieg, ohne einen Augenblick auszusetzen. Schon hatte sie die Dachrinne überflutet und bedeckte einen Teil der Dachränder. Mit dem Wasser war aber auch das Boot gestiegen. Ich beobachtete die armen Jungen, die in so schrecklicher Bedrängnis waren, und rief ihnen zu, sie sollten recht innig beten, sich ganz still verhalten und mit den Armen ineinandergelegt herunterkommen, um nicht auszugleiten. Sie gehorchten und als das Floß an die Dachrinne herankam, gelangten alle von ihren Kameraden unterstützt, an Bord. Hier sah man in vielen Körben eine Menge Brot. Als wir alle auf dem Floß waren — immer noch unsicher, ob wir dieser Gefahr entrinnen würden — übernahm ich als Kapitän das Kommando und sagte zu den Jungen: “Maria ist der Meeresstern, sie verläßt keinen, der auf sie vertraut. Stellen wir uns alle unter ihren Schutz. Sie wird uns aus diesen Gefahren erretten und in einen ruhigen Hafen führen.”
Darauf überließen wir das Schiff den Wellen. Es kam in Bewegung, schwamm ruhig und bewegte sich von jenem Ort. (Facta est quasi navis institoris, de longe portans panem suum — es gleicht dem Schiff eines Kaufmanns und trägt von weit her sein Brot. Spr. 31/14.)
Die vom Winde gepeitschten Wogen stießen das Floß so schnell, daß wir, um nicht herunter zu fallen, uns eng aneinander drückten und gleichsam nur einen Körper bildeten.
Nachdem wir in kurzer Zeit eine große Strecke zurückgelegt hatten, hielt das Floß plötzlich an, drehte sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit um sich selbst. Es schien unterzugehen. Aber ein sehr heftiger Wind trieb es aus dem Strudel heraus. Dann schlug es einen regelmäßigeren Kurs ein. Wohl kam hin und wieder ein Wirbel, aber auch der rettende Wind und bald hielt das Schiff an einem trockenen Gestade. Es schien ein Hügel zu sein, der mitten aus dem Meer hervorragte und sehr schön aussah.
Viele Jungen waren davon ganz bezaubert. Sie sagten auch, der Herr habe die Menschen auf die Erde und nicht auf das Wasser gesetzt. Und ohne um Erlaubnis zu fragen, verließen sie jubelnd das Floß, luden uns auch ein, ihnen zu folgen und stiegen ans Ufer. Ihre Zufriedenheit dauerte aber nicht lange, denn die Fluten schwollen wieder an und bei einem plötzlichen Wüten eines gewaltigen Sturmes stiegen sie am Ufer empor. Nun stießen die unglücklichen Jungen verzweifelte Schreie aus. Sie standen bald bis an die Hüften im Wasser und verschwanden kopfüber in den Fluten. Da rief ich: “Ja, es ist wirklich wahr. “Wer nach seinem eigenen Kopf handeln will, muß aus seinem eigenen Geldbeutel bezahlen.”
Das Schiff drohte wiederum in der Gewalt des Sturmes unterzugehen. Ich schaute auf meine Jungen; sie waren bleich im Gesicht und keuchten. “Habt nur Mut”, rief ich ihnen zu, “Maria wird uns nicht verlassen. ” Wir verrichteten nun gemeinsam die Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und der Reue und beteten dann noch einige Vaterunser und Gegrüßte seist du Maria und zum Schluß noch das Salve Regina. Darauf hielten wir uns noch einmal knieend bei den Händen und jeder betete still für sich weiter. Trotz der Gefahr blieben einige jedoch ziemlich gleichgültig. Sie hatten sich aufgestellt, gingen hin und her, als wenn nichts wäre, lachten miteinander und machten sich fast lustig über die betende Haltung ihrer Kameraden. Da hielt das Schiff ganz plötzlich an, drehte sich schnell um die eigene Achse und ein wütender Sturm schleuderte jene Unglückseligen in die Fluten. Es waren dreißig Jungen. Kaum lagen sie in dem tiefen schlammigen Wasser, sah man nichts mehr von ihnen. Wir stimmten das Salve Regina an und flehten mehr denn je aus tiefstem Herzen um den Schutz des Meeressterns Maria.
Nun wurde es ruhig. Das Schiff schwamm wie ein Fisch immer weiter und wir wußten nicht, wohin es uns bringen würde. An Bord wurde eifrig und fortdauernd eine Rettungsaktion betrieben und alles getan, um zu verhindern, daß noch mehr Jungen ins Wasser fielen. Man gab sich auch alle Mühe, die Hineingefallenen zu retten. Es waren ja immer wieder einige, die sich unvorsichtig über die niedrigen Ränder des Floßes lehnten und ins Wasser fielen. Selbst ungezogene und schlimme Jungen waren dort, die ihre Kameraden an den Rand des Floßes riefen und dann ins Wasser stießen. Deswegen besorgten einige Priester kräftige Stangen und dicke Stricke und Angelhaken. Andere befestigten die Haken an den Stangen und teilten sie an einzelne aus. Manche standen schon mit erhobenen Stangen auf Posten. Sie schauten gespannt auf das Wasser und lauschten aufmerksam auf jeden Hilferuf. Kaum fiel ein Junge hinein, dann senkte sich die Stange und der Schiffbrüchige klammerte sich an das Seil oder wurde mit dem Haken an den Kleidern oder am Gürtel gepackt, herausgezogen und gerettet. Doch gab es auch Jungen, welche die Arbeit der Angler und der Kameraden, die Angelhaken bereiteten und verteilten, störten und behinderten. Die Kleriker hielten überall Aufsicht, um die Jungen in Ordnung zu halten; es waren nämlich viele.
Ich stand unter einer hohen Flagge, die in der Mitte aufgepflanzt war. Um mich herum waren viele Jungen, Priester und Kleriker, die meine Anordnungen ausführten. So lange sie fügsam waren und meinen Worten willig folgten, ging alles gut. Wir waren ruhig, zufrieden und fühlten uns sicher. Aber bald fanden einige das Floß unbequem. Sie fürchteten eine lange Reise, beklagten sich über die Gefahren und Entbehrungen, stritten um den Ort der Landung und überlegten, ob man nicht eine andere Zuflucht finden könnte. Sie gaben sich der törichten Hoffnung hin, es sei Land in der Nähe, wo man sichere Unterkunft finden könnte. Sie vermuteten, unser Proviant würde ausgehen und fragten sich untereinander, ob man nicht doch den Gehorsam verweigern sollte. Vergebens suchte ich sie mit Vernunftsgründen zu bewegen und zu überzeugen.
Plötzlich waren andere Flöße in Sicht. Sie nahmen jedoch einen anderen Kurs, als sie in unserer Nähe waren. Da beschlossen einige unkluge Jungen, sich von mir zu entfernen, ihren Launen zu folgen und selbst einen Versuch zu machen. Sie warfen einige Bretter ins Wasser, die auf unserem Floß lagen, und sie entdeckten auch einige, die nicht weit entfernt im Wasser schwammen und ziemlich breit waren. Sie sprangen darauf und entfernten sich auf ihnen. Es war eine unbeschreiblich schmerzliche Szene für mich. Sah ich doch diese Unglücklichen ihrem Untergang entgegentreiben. Der Wind blies scharf und die Wellen wurden stark bewegt. Einige Jungen versanken und wurden wild hin‑ und hergeschleudert. Andere gerieten in einen Strudel und wurden in die Tiefe gerissen. Wieder andere stießen auf Hindernisse an der Wasseroberfläche und verschwanden kopfüber in den Tiefen. Einigen gelang es, auf eines der Flöße zu springen, versanken aber bald darauf. Die Nacht war finster und schwarz. Von weitem hörte man die herzzerreißenden Schreie der Ertrinkenden. Alle gingen unter. ‚In mare mundi submergentur omes illi quos non suscipit navis ista‘m — Im Meere der Welt gehen alle unter, die nicht von diesem Boote — dem Schiff Mariens — aufgenommen werden.
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Träume Don Boscos Seite 1
DER ERSTE TRAUM — EIN HIMMLISCHER AUFTRAG
(Lemoyne 1, 123-125)
In seinen Memoiren berichtet Don Bosco selbst über den ersten visionären Traum, den er bereits in früher Jugend hatte:
“Als ich ungefähr neun Jahre alt war, hatte ich einen Traum, der mir mein ganzes Leben lang tief im Gedächtnis haften blieb. Im Traume schien es mir, als befände ich mich unweit meiner Heimat, auf einem sehr geräumigen Hof. Auf diesem hatte sich eine große Schar Jungen versammelt. Viele von ihnen liefen munter umher, lachten und spielten; nicht wenige aber fluchten. Als ich ihr Fluchen vernahm, stürzte ich sofort auf sie los. Ich wollte sie mit Schlägen und Schelten zum Schweigen bringen.
In dem Augenblick erschien ein hoheitsvoller Herr. Er stand im Mannesalter und war sehr schön gekleidet. Ein weißer Mantel umhüllte seine ganze Gestalt. Sein Antlitz leuchtete so stark, daß ich ihn nicht anzublicken vermochte.
Der Herr redete mich freundlich mit meinem Namen an und gab mir die Anweisung: “Stelle dich an die Spitze der Jungen! “Und er fügte noch hinzu: “Nicht mit Schlägen, sondern mit Milde, Güte und Liebe mußt du dir diese zu Freunden gewinnen. Fange daher sofort an, sie über die Häßlichkeit der Sünde und über den Wert der Tugend zu unterrichten.”
Ganz verwirrt und erschrocken gab ich zur Antwort, ich sei ein armer, unwissender Knabe und nicht fähig, mit diesen Jungen über Religion zu sprechen.
In dem Augenblick hörten die Jungen mit dem Lachen, Lärmen und Fluchen auf und scharten sich alle um den Herrn, der soeben gesprochen hatte. Fast ohne zu wissen, was ich tat, sagte ich: “Wer sind Sie eigentlich, daß Sie mir etwas Unmögliches befehlen?”
Der Herr antwortete: “Gerade weil dir diese Aufgabe unmöglich erscheint, mußt du sie durch Gehorsam und Erwerb der Wissenschaft möglich machen.”
Darauf fragte ich ihn: “Aber wie und wo kann ich mir das nötige Wissen aneignen?”
Seine Antwort lautete: “Ich werde dir eine Lehrmeisterin geben. Unter ihrer Leitung wirst du gelehrt werden. Ohne sie ist alles Wissen Torheit.”
“Wer sind Sie überhaupt”, fragte ich noch einmal, “daß Sie in dieser Art zu mir sprechen?”
Der Herr antwortete: “Ich bin der Sohn derer, die du dreimal am Tage grüßest, wie deine Mutter dich gelehrt hat.”
Darauf wagte ich zu sagen: “Meine Mutter hat mir verboten, mich ohne ihre Erlaubnis mit Personen zu unterhalten, die ich nicht kenne. Bitte nennen Sie mir daher Ihren Namen.”
Da sagte der Herr: “Frage meine Mutter nach meinem Namen!”
In dem Augenblick sah ich neben ihm eine Dame von majestätischem Aussehen. Sie war mit einem Mantel bekleidet, der über und über so strahlte, als wäre er mit hell leuchtenden Sternen besät. Der Herr sah, daß ich in meinen Fragen und Antworten immer verwirrter wurde und gab mir ein Zeichen, mich der Dame zu nähern. Diese faßte mich liebevoll bei der Hand und sagte zu mir: “Schau mal!” Ich blickte auf und nahm wahr, daß alle Jungen verschwunden waren. An ihrer Stelle aber sah ich eine Menge Ziegenböcklein, Hunde, Katzen, Bären und viele andere Tiere.
Die Dame sprach weiter: “Schau, dies ist dein Feld, hier mußt du arbeiten. Werde demütig, stark und tapfer; denn was du an diesen Tieren geschehen siehst, das sollst du an meinen Kindern tun.”
Hierauf blickte ich um mich und sah, daß an Stelle der wilden Tiere ebenso viele sanfte Lämmer erschienen. Diese hüpften vergnügt umher und blökten munter, als wollten sie den Herrn und die Dame herzlich begrüßen.
Immer noch im Traum begann ich zu weinen und bat die Dame, sich verständlicher auszudrücken; denn ich begriff nicht, was das alles bedeuten sollte. Darauf legte sie freundlich ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: “Zur gegebenen Zeit wirst du alles verstehen.”
Als sie das gesagt hatte, wurde ich durch irgendein Geräusch geweckt, und alles war verschwunden. —
Ich war wie betäubt. Mir war, als täten mir meine Hände noch von den Schlägen weh, die ich ausgeteilt hatte. Mein Gesicht schien von den Ohrfeigen zu schmerzen, die ich von den Lausbuben erhalten hatte. Zudem beschäftigten sich meine Gedanken mit der erhabenen Person und der Dame sowie mit dem Gehörten und Gesagten, so daß ich in jener Nacht keinen Schlaf mehr finden konnte.
Am folgenden Morgen erzählte ich meinen Traum im Familienkreise. Jeder der Angehörigen äußerte seine Meinung dazu. Der Bruder Josef sagte: “Du wirst einmal ein Hirte von Ziegen, Schafen oder sonstigen Tieren. ” Meine Mutter meinte: “Wer weiß, ob er nicht Priester werden muß. ” Anton brummte sehr trocken: “Vielleicht wirst du einmal ein Räuberhauptmann. ” Die Großmutter aber beschloß das Thema, indem sie sagte: “Man darf auf Träume nichts geben.”
Ich selber stimmte der Meinung meiner Großmutter zu, doch konnte ich den Traum nie aus dem Gedächtnis bringen.”
(Lem. 1, 244)
Als Johannes Bosco 16 Jahre alt war, wiederholte sich der Traum. Er selber erzählte ihn folgendermaßen:
“Im Traum sah ich eine vornehme Dame auf mich zukommen. Sie führte eine überaus große Herde an. Als sie nahe bei mir war, redete sie mich mit folgenden Worten an: Schau, Johannes, diese ganze Herde vertraue ich deiner Obhut an.”
Da fragte ich: “Wie soll ich es anstellen, so viele Schafe und Lämmer zu hüten und zu betreuen? Wo finde ich die nötigen Weiden, auf die ich sie führen könnte?”
Die Dame antwortete mir: “Habe keine Angst; ich werde dir beistehen.”
Darauf verschwand sie.
(Lem. 1, 305)
Mit 19 Jahren wiederholte sich der erste Traum noch einmal. Im Traum sah Johannes Bosco eine erhabene, majestätische Person, die weiß gekleidet war und in hellem Glanz erstrahlte. Der vornehme Herr war damit beschäftigt, eine überaus zahlreiche Jungenschar zu leiten. Er wandte sich an Johannes und sagte: “Komm her, stelle dich an die Spitze dieser Jungen und führe du sie an!”
Darauf antwortete Johannes Bosco, er sei nicht fähig, so viele Tausende von Jugendlichen zu unterrichten und zu leiten.
Die hoheitsvolle Person aber bestand gebieterisch auf ihrem Befehl, bis Johannes sich an die Spitze der großen Jungenschar stellte und sie auftragsgemäß zu führen begann.
DIE RABEN
(Lem. VII, 649-651)
Am 14. April 1864 erzählte Don Bosco folgende zwei Träume, die er einige Nächte vorher gehabt hatte:
“Am 3. April, in der Nacht vor dem Weißen Sonntag, schien es mir im Traum, als befände ich mich auf einem Balkon und sähe die Jungen beim Spiel. Da plötzlich sah ich, wie sich ein großes weißes Laken über den ganzen Hof herniedersenkte und ihn bedeckte; die Jungen spielten aber weiter. Während ich sie noch beobachtete, sah ich eine große Menge Raben. Sie flatterten und kreisten über dem Tuch umher. Schließlich entdeckten sie die Ränder des Tuches, flogen darunter, stürzten sich auf die Jungen und hieben mit ihrem Schnabel auf sie ein. Der Anblick erregte Mitleid. Dem einen Jungen hackten sie die Augen aus, einem anderen zerhackten sie die Zunge, einem dritten zerhieben sie die Stirne, und wieder einem anderen zerrissen sie das Herz.
Was mich aber am meisten in Erstaunen setzte, war die Feststellung, daß keiner schrie oder sich beklagte, sondern alle blieben kalt, ja sogar gefühllos und suchten sich nicht zu verteidigen.
“Träume ich vielleicht”, sagte ich, “oder bin ich wach? Wenn ich nicht träume, wie ließe sich dann erklären, daß die Jungen sich so mißhandeln lassen ohne vor Schmerz zu schreien?” Aber kurz darauf hörte ich ein allgemeines Wehklagen. Dann sah ich, wie die Verwundeten sich erregten, und ich hörte wie sie schrieen und lärmten und sich von den übrigen absonderten. Verwundert darüber überlegte ich, was das bedeuten sollte. “Vielleicht”, so dachte ich, hängt es mit dem Weißen Sonntag zusammen. Will der Herr uns zeigen, was seine Gnade für uns alle zu bedeuten hat? Die Raben versinnbilden Teufel, welche die Jungen angreifen.”
Während ich das erwog, hörte ich ein Geräusch und erwachte. Es war schon Tag, und irgend jemand hatte an meiner Türe geklopft. Über alles das war ich nicht wenig erstaunt, als ich am Montag bemerkte, daß die Zahl der Kommunionen abgenommen hatte. Am Dienstag sank sie noch mehr und am Mittwoch waren es auffallend wenige, so daß ich zur halben Messe schon mit Beichthören fertig war. Ich wollte aber nichts sagen, denn die Exerzitien standen bevor. So hoffte ich, es würde alles in Ordnung kommen.
Gestern am 13. April hatte ich noch einen Traum. Ich hatte den ganzen Tag hindurch Beichte gehört und war in meinen Gedanken noch mit den Seelen der Jungen beschäftigt, wie das stets der Fall ist. Am Abend ging ich zu Bett, konnte aber keinen Schlaf finden. Erst nach einigen Stunden fing ich an zu schlafen. Es schien mir, als befände ich mich wieder auf dem Balkon und beobachtete von dort die spielenden Jungen. Ich gewahrte alle, auch die von den Raben Verwundeten. Ich sah überhaupt alles. Es erschien jemand mit einem kleinen Gefäß in der Hand, das Balsam enthielt und ein anderer, mit einem Leinentuch, begleitete ihn. Beide begannen die Wunden der Jungen zu behandeln. Die Wunden heilten, sobald sie vom Balsam berührt wurden. Einige Jungen jedoch machten sich davon, als sie die beiden herankommen sahen. Sie wollten nicht geheilt werden. Mir mißfiel es sehr, daß es nicht nur einzelne waren. Nun bemühte ich mich, ihre Namen auf ein Stück Papier zu schreiben; ich kannte nämlich alle. Während ich nun schrieb, erwachte ich und fand mich ohne Papier. Die Namen hatte ich mir aber durch das Schreiben ins Gedächtnis eingeprägt und jetzt weiß ich sie fast alle. Vielleicht habe ich auch einige vergessen; doch dürften es nur wenige sein. Jetzt setze ich meine Unterredung mit den Jungen fort. Mit einigen habe ich schon gesprochen. Ich werde mich bemühen, die Wunden aller zu heilen.
Legt dem Traum an Wichtigkeit bei, soviel ihr wollt; meinen Worten aber schenkt vollen Glauben. Es schadet eurer Seele nicht im geringsten. Ich möchte jedoch haben, daß keiner diese Dinge aus dem Oratorium trägt. Euch sage ich alles, möchte aber haben, daß ihr alles hier drinnen laßt.”
In der Unterredung mit seinen Jungen hat Don Bosco gewiß jedem einzelnen die entsprechende Erklärung zu diesem Traum gegeben und dabei auf das hingewiesen, was der Rabe, was die Verletzungen der Jungen und was deren Heilung zu bedeuten habe.
Der Rabe wird allgemein Galgenvogel genannt. Man spricht auch von einem Unglücksraben und man betrachtet ihn als Unheilverkünder und Pechvogel.
In diesem Traum versinnbildet der Rabe den bösen Geist, den Teufel, der die Menschen ins Unglück stürzen will, indem er sie blind macht für das Gute und stumm, wenn es sich darum handelt, ein offenes, reumütiges Bekenntnis in der Beichte abzulegen.
Er raubt den Menschen, die nicht vor ihm fliehen, gleichsam den Verstand, die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse und nimmt ihr Herz, ihre Liebe, für sich, d. h. für sündhafte Freuden, in Anspruch.
Der im zweiten Traum erwähnte Balsam bedeutet reumütiges Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, das wie Balsam wirkt. Die Behandlung mit dem Leinentuch versinnbildet die Abwaschung der Sünden im Bußgericht.
REBHÜHNER UND WACHTELN
(Lem. VIII, 11)
Diesen Traum hatte Don Bosco am 14. Januar 1865 und er erzählte ihn zwei Tage später seinen Jungen:
“Die Hälfte des Monats Januar ist schon verflossen. Wie habt ihr die Zeit benützt? Wenn es euch gefällt, erzähle ich euch heute abend einen Traum, den ich in der vorletzten Nacht hatte.
Ich war unterwegs mit den Jungen des Oratoriums und mit vielen anderen, die ich nicht kannte. Bei einem Weinberg hielten wir an, um zu frühstücken. Die Buben liefen herum in der Absicht, Früchte zu essen. Einer aß Feigen, ein anderer Trauben wieder andere Pfirsiche oder Pflaumen. Ich war mitten unter ihnen und schnitt Weintrauben ab. Auch pflückte ich Feigen und gab sie den Jungen. Dabei sagte ich: “Nun nimm und iß.”
Es schien mir, als träumte ich und es tat mir leid, daß es nur ein Traum sein sollte. Doch sagte ich mir: “Sei es wie es wolle; wir lassen die Jungen essen. ” Mitten in den Reihen gewahrte ich den Winzer. Als wir uns erquickt hatten, setzten wir unseren Weg durch den Weinberg fort. Das war aber sehr beschwerlich. Der Weinberg war nämlich, wie es zu sein pflegt, in seiner ganzen Länge von tiefen Furchen durchschnitten, so daß man zuweilen hinunter‑ und wieder hinaufsteigen oder gar springen mußte. Die Kräftigsten sprangen hinüber. Die Kleinsten taten es ihnen nach, gelangten aber nicht auf die dahinterliegende Reihe, sondern rollten in den Graben. Darüber machte ich mir Sorgen und ich spähte umher. Da sah ich eine Straße, die an der Seite des Weinbergs entlang ging. Nun wandte ich mich mit allen Jungen dorthin. Der Winzer hielt mich aber an und sagte: “Sehen Sie sich vor und gehen Sie nicht auf jener Straße X. Sie ist nicht gangbar, sie ist voll von Steinen, Dornen, Schmutz und Furchen. Setzen Sie den eben eingeschlagenen Weg fort. ” Ich antwortete: “Sie haben recht, aber diese ganz Kleinen können nicht über die Furchen kommen.”
“Oh, das ist schnell gemacht”, erwiderte er. “Die Größten mögen die Kleinen auf die Schultern nehmen; sie können springen, obwohl sie die Last tragen. ” Ich war nicht ganz davon überzeugt und ging mit meiner ganzen Schar zum Rand des Weinbergs an die Straße heran und stellte fest, daß der Winzer die Wahrheit gesagt hatte. Die Straße war in einem schrecklichen Zustand und unbrauchbar. Ich wandte mich an Don Francesia und sagte: “Incidit in Scyllam qui vult vitare Charybdim” (= Man verfällt der Scylla, wenn man die Charybdis meiden will. Ein Bild aus der Odyssee. Der Sinn entspricht unserem Sprichwort: Man kommt aus dem Regen in die Traufe). — Wir mußten nun den Rat des Winzers befolgen und den Pfad benützen, der neben der Straße herlief, um so gut wie möglich durch den ganzen Weinberg zu gelangen. Am Ende des Weinbergs stießen wir auf eine dichte Dornenhecke. Nur mit großer Mühe fanden wir einen Durchgang. Dann marschierten wir von einem hohen Hügel hinunter und gelangten in ein liebliches Tal, das ganz mit Gras und Bäumen bedeckt war. Mitten auf einer Wiese sah ich zwei frühere Zöglinge des Oratoriums. Kaum hatten sie mich erblickt, so kamen sie auf mich zu und begrüßten mich. Sie blieben stehen und sprachen mit den andern. Als sie sich so eine Weile unterhalten hatten, sagte einer von ihnen: “Sehen Sie da, wie schön!” Dabei zeigte er mir zwei Vögel, die er in der Hand hatte. “Was sind das für Tiere?”, fragte ich. “Ein Rebhuhn und eine Wachtel. Ich habe sie gefunden. ” “Lebt denn das Rebhuhn?”, fragte ich weiter. “Oh ja, sehen Sie es nur genau an. ” Und er gab mir ein schönes, nur einige Monate altes Rebhuhn. “Frißt es schon allein?” “Es fängt eben an. ” Während ich dem Tier etwas zu fressen gab, stellte ich fest, daß es den Schnabel in vier Teile gespalten hatte. Darüber wunderte ich mich und fragte den Jungen nach dem Grund dieser Erscheinung. Und er sagte: “Weiß Don Bosco wirklich nicht, was das heißen soll? Der in vier Teile gespaltene Schnabel des Rebhuhns bedeutet das gleiche wie dieses selbst. ” “Das verstehe ich nicht,” antwortete ich. “Das verstehen Sie nicht, obwohl Sie soviel studiert haben? Wie heißt Rebhuhn auf Latein?” “Perdix. ” Nun gut, da haben Sie den Schlüssel zu allem. ” “Sei so gut und hilf mir aus der Verlegenheit, ich verstehe nichts. ” “Dann betrachten Sie doch einmal die einzelnen Buchstaben, aus denen das Wort Perdix besteht.”
P: soll heißen ‚perseverantia' (= Ausdauer, Beharrlichkeit).
E: ‚Aeternitas te exspectat' (= die Ewigkeit erwartet dich).
R: ‚Referet unusquisque secundum opera sua, prout gessit, sive bonum, sive malum' (= einem jeden wird vergolten werden nach seinen Werken, je nachdem er Gutes oder Schlechtes getan hat).
D: ‚Dempto nomine' (= ausgelöscht ist jeder menschliche Ruhm, alle Ehre, Wissenschaft und Reichtum).
I: bedeutet ‚lbit'. So deuten die vier Teile des Schnabels die vier letzten Dinge des Menschen an.”
“Du hast recht. Das habe ich verstanden. Sag mir nun auch, wo du das X gelassen hast. Was soll denn dieser Buchstabe bedeuten?” “Wie, Sie haben doch Mathematik studiert und wissen nicht was X bedeutet?” “X ist die Unbekannte. ” “Statt dessen kann man auch sagen ‚der Unbekannte', nämlich der unbekannte Ort: an einen unbekannten Ort wird er kommen (in locum suum — an seinen Ort)”. Während ich mich über diese Erklärung wunderte und doch überzeugt war, fragte ich ihn: “Schenkst du mir dieses Rebhuhn? O ja, sehr gerne. Wollen Sie auch die Wachtel sehen?”
Da hielt er mir eine prächtige Wachtel hin; sie sah wenigstens so aus. Ich nahm sie entgegen, hob ihre Flügel etwas hoch und sah, daß sie voll Wunden war und ganz unrein und eitrig aussah. Auch roch sie ekelhaft. Ich fragte nun den Jungen, was das zu bedeuten habe. Er antwortete: “Priester, Priester, das weißt Du nicht und hast doch die Heilige Schrift studiert! Weißt Du nicht mehr, daß die Hebräer in der Wüste murrten und Gott ihnen die Wachteln sandte? Sie aßen davon und hatten noch das Fleisch zwischen den Zähnen, als viele tausend durch die Hand des Herrn bestraft wurden. Also bedeutet diese Wachtel, daß der Gaumen mehr tötet als das Schwert; hier liegt die Quelle der meisten Sünden.”
Ich dankte dem Jungen für seine Erklärung. Inzwischen tauchten in Hecken, auf Bäumen und im Gras Rebhühner und Wachteln in großer Zahl auf. Sie glichen denen, welche der Knabe in der Hand hielt, der mit mir gesprochen hatte. Die Jungen aber fingen an, Jagd auf die Vögel zu machen und sorgten so für ihre Mahlzeit.
Dann machten wir uns wieder auf den Weg. Alle, die von den Rebhühnern gegessen hatten, waren kräftig und setzten ihren Weg fort. Diejenigen aber, die Wachteln gegessen hatten, blieben im Tal. Sie folgten mir nicht, blieben auch nicht beisammen und ich verlor sie aus dem Auge und sah sie nicht wieder. — Der Traum dauerte die ganze Nacht. Am Morgen war ich so müde und erschöpft, daß ich mir vorkam, als wäre ich die ganze Nacht auf Reisen gewesen.
Ich wünsche dringend, daß diese Dinge, die ich euch hier erzählt habe, nicht außerhalb des Oratoriums weitererzählt werden. Unter euch könnt ihr darüber sprechen, soviel ihr wollt; tragt aber nichts aus dem Haus.”
(Lem. VIII, 16-17)
In der Abendansprache am 18. Januar kam Don Bosco noch einmal auf den Traum zu sprechen. Er sagte: “Ihr wollt doch sicher mehr über den Traum wissen. So will ich erklären, was Wachtel und Rebhuhn bedeuten. Das Rebhuhn bedeutet — klar ausgedrückt — die Tugend, die Wachtel das Laster. Warum die so schön aussehende Wachtel bei näherem Zuschauen Wunden unter den Flügeln hatte und ganz ekelhaft roch, wißt ihr und brauche ich euch nicht zu erklären; es sind schändliche Dinge. Einigen Jungen schmeckte die Wachtel gut. Sie aßen mit Gier davon, obwohl das Fleisch faul war. Das sind jene, die sich dem Laster ergeben.
Andere aßen vom Rebhuhn. Es sind solche, welche die Tugend lieben und darum auch üben. Manche hielten in der einen Hand eine Wachtel und in der anderen ein Rebhuhn. Sie aßen aber von der Wachtel. Das sind jene, die zwar die Schönheit der Tugend kennen, wollen aber mit der Gnade, die Gott ihnen schenkt, nicht mitwirken, um tugendhaft zu werden.
Wieder andere, die in der einen Hand ein Rebhuhn und in der anderen eine Wachtel hielten, aßen zwar vom Rebhuhn, warfen aber begehrliche und gierige Blicke nach der Wachtel. Das sind jene, welche die Tugend zwar üben, aber nur mit viel Mühe und Anstrengung. An ihnen kann man zweifeln, ob sie sich ändern oder doch bei der nächsten Gelegenheit fallen werden.
Manche aßen vom Rebhuhn, während Wachteln vor ihnen herumflatterten; diese Jungen schauten aber nicht darauf, sondern fuhren fort, ihr Rebhuhn zu essen. Das sind jene, die tugendhaft sind und das Laster verabscheuen und verachten. Einige aßen ein wenig vom Rebhuhn und ein wenig von der Wachtel. Bei ihnen wechselt die Tugend mit dem Laster ab. Sie geben sich einer Täuschung hin, indem sie meinen, nicht schlecht zu sein . . .
Ihr werdet fragen: “Wer von uns aß Wachteln und wer vom Rebhuhn?” Vielen habe ich es schon gesagt; die anderen mögen, wenn sie wollen, zu mir kommen, und ich werde es ihnen sagen.”
Don Lemoyne geht noch näher auf das Bild des Rebhuhns ein und bemerkt dazu, es sei ein sehr schlauer Vogel, der sich mit besonderer Gewandtheit dem Jäger entziehen und sein Nest schützen kann.
Dieser Traum Don Boscos bedarf keiner weiteren Erklärung. Der Heilige hat sie selbst gegeben und setzte daher auch mit Recht voraus, daß seine Jungen Sinn und Lehre dieses Traumes verstanden hätten.
DAS GEBET UND DIE TUGEND
(Lem. VIII, 33-34)
Den folgenden Traum erzählte Don Bosco seinen Jungen am 6. Februar 1865:
“Vor zwei oder drei Abenden habe ich etwas ganz Besonderes geträumt. Wollt ihr haben, daß ich euch meinen Traum erzähle? Weil ich meine Jungen liebe, sind sie mir im Traume immer nahe.
Mir schien es, als stände ich mitten im Hof von meinen Jungen umgeben. Jeder von ihnen hatte eine schöne Blume in der Hand; der eine eine Rose, der andere eine Lilie, wieder ein anderer ein Veilchen. Es hielt also der eine diese, der andere jene Blume in der Hand. Da erschien plötzlich eine häßliche Katze. Sie war so groß wie ein Hund. Sie war pechschwarz und hatte Hörner. Ihre großen Augen waren wie glühende Kohlen, ihre Krallen waren so stark wie Nägel und sie hatte auch einen unförmig dicken Bauch. Diese häßliche Bestie näherte sich langsam und ruhig den Jungen und strich dann mitten unter ihnen einher. Plötzlich schlug sie einen mit ihrer Tatze auf die Erde. Das gleiche tat sie bei andern Jungen. Beim Erscheinen dieser großen Katze erschrak ich und wunderte mich, als ich sah, daß die Jungen sich nicht im geringsten daran störten und sich so verhielten, als wäre nichts geschehen.
Als ich bemerkte, daß die Katze auf mich losging, um mir meine Blume zu entreißen, ergriff ich die Flucht. Man hielt mich aber auf und sagte: “Nicht fortlaufen! Sag deinen Jungen, sie sollen den Arm hochheben; dann kann die Katze nicht an die Blumen heranreichen, um sie ihnen aus der Hand zu reißen. ” Ich blieb stehen und hob den Arm hoch. Die Bestie strengte sich an und versuchte mir die Blume zu entreißen. Sie sprang hoch, um an die Blume heranzukommen. Sie konnte sie aber nicht erreichen, da sie zu schwer war, und plumps fiel sie zur Erde nieder.
Die Lilie, meine lieben Jungen, stellt die schöne Tugend der Reinheit dar, gegen die der Teufel immer wieder Krieg führt. Wehe den Jungen, die diese Blume nicht hochhalten! Der Teufel nimmt sie ihnen und läßt sie fallen. Jene halten sie nicht hoch, die ihren Körper verwöhnen, die im Essen keine Ordnung und kein Maß halten, die außer den Mahlzeiten essen und trinken. Es sind solche, die jeder Anstrengung, auch dem Studium, aus dem Wege gehen und sich dem Müßiggang hingeben. Ferner jene, denen gewisse Bücher und Reden gefallen und die jede Abtötung fliehen. Um Gottes willen, flieht und bekämpft diesen Feind, sonst wird er Herr über euch! Den Sieg zu erlangen ist nicht leicht; die Ewige Weisheit hat aber Mittel dazu bereitgestellt: Hoc autem genus non ejicitur nisi per orationem et jejunium” (= diese Art — von Teufeln — wird nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben) Matth. 17, 20.
Haltet eure Arme, haltet eure Blumen hoch und ihr seid sicher. Reinheit ist eine himmlische Tugend und wer sie bewahren will, muß sich gegen den Himmel emporrecken. Rettet euch also durch das Gebet.
Gebete, die euch zum Himmel erheben, sind das Morgen- und Abendgebet, sofern sie gut verrichtet werden. Gebete sind auch Betrachtung und die hl. Messe; Gebete sind öftere Beichte und Kommunion; Gebete sind die Predigten und Ansprachen der Obern; Gebet ist die Besuchung des Allerheiligsten, der Rosenkranz und auch das Studium. Wenn ihr Gebete verrichtet, wird euer Herz sich ausdehnen wie ein Luftballon und sich zum Himmel erheben und dann könnt ihr mit David sprechen: “Viam mandatorum tuorum cucurri, cum dilatasti cor meum” (= den Weg deiner Gebote will ich wandeln, denn du hast mein Herz weit gemacht) Ps. 118, 32. Auf diese Weise bringt ihr die schönste der Tugenden in Sicherheit und der Feind mag sich noch so sehr anstrengen, er kann sie euren Händen nicht entreißen.”
(Lem. VIII, 40)
Am 13. Februar 1865 kam Don Bosco noch einmal auf diesen Traum zu sprechen: “Ich habe euch gesagt, daß diese häßliche Bestie der Teufel war, der euch zugrunde richten möchte. Als ich euch das sagte, glaubte ich im Hinblick auf euch, das entspräche nicht der Wirklichkeit, es sei nur ein Phantasiegebilde. Zu meinem großen Leidwesen muß ich aber sagen, daß die Katze auch unter euch großes Unheil angerichtet hat. Es ist zwar nicht so, daß der größte Teil von euch gefehlt hätte; in Anbetracht der großen Zahl von Jungen in unserem Haus ist es nur eine kleine Minderheit, die gefehlt hat. Und doch ist diese Minderheit noch viel größer als ich glauben wollte. Hier im Oratorium ereigneten sich im Ablauf weniger Tage Dinge, die man bisher niemals darin beobachten konnte.”
Zu diesem Traum läßt sich sagen: Die vielen Bemühungen Don Boscos um seine Jungen hatten als Ziel, tugendhafte Menschen aus ihnen zu machen. Mit diesen eindringlichen Worten hatte er sie oft ermahnt: “Jungen, bewahrt in euren Herzen den Schatz der Tugend. Wenn ihr den besitzt, habt ihr alles; wenn ihr ihn aber verliert, werdet ihr die Unglücklichsten der Welt” (Lem. III, 11).
Als schönsten Schmuck bezeichnete Don Bosco die Tugenden, der Reinheit, der Demut, des Gehorsams und der Liebe” (IV, 748). An erster Stelle nennt er die Reinheit. In diesem Traum wird sie — wie in der Regel — mit der Lilie verglichen.
Mit der Erzählung dieses Traumes wollte der Heilige den Jungen das Wort der Schrift einprägen: “Wachet und betet” (Matth. 24/42); denn “wer betet, der wird gerettet” (St. Alfons).
DER TEUFEL VERLEITET ZU ZERSTREUUNGEN
(Lem. VIII, 115-116)
Von Don Bosco am 1. Mai 1865 erzählt:
“Im Traum sah ich mich in einer Kirche, die von Jungen ganz gefüllt war. Nur wenige gingen zur hl. Kommunion. An der Kommunionbank stand ein großer Mann in schwarzer Kleidung. Er hatte Hörner und hielt einen Apparat in der Hand. Einigen Jungen zeigte er verschiedene Sachen, die in dem Apparat zu sehen waren. Den einen ließ er die ganze vom Spiel belebte Erholungspause sehen. Er interessierte sich vor allem für sein Lieblingsspiel. Einem anderen zeigte er frühere Spiele, an denen er Vergnügen fand in der Hoffnung auf zukünftige Siege beim Spiel. Dann zeigte er einem seine Heimat, seine Spaziergänge daselbst, Felder und Vaterhaus; einem andern den Studiersaal, die Bücher, Arbeiten und seine Helfer. Dem nächsten zeigte er Obst, Süßigkeiten und den Wein, den er im Koffer hatte, und wieder einem andern seine Eltern und Freunde.
Aber auch Schlimmeres ließ er sie schauen, nämlich ihre Sünden und nicht abgegebenes Geld. Daher gingen nur wenige zu den hl. Sakramenten. Einige sahen ihre Ferienausflüge. Sie übersahen alles andere und betrachteten nur die früheren Gefährten ihrer Vergnügungen.
Wißt ihr, was dieser Traum bedeuten soll? Er will besagen, daß der Teufel sich anstrengt, die Jungen in der Kirche zu zerstreuen, um sie vom Empfang der hl. Sakramente fernzuhalten. Und die Jungen sind so unklug und gehen darauf ein.
Meine lieben Jungen! Dieses elende Teufelswerk muß man zerschlagen. Wißt ihr auch wie? Werft einen Blick auf das Kreuz und dann denkt daran, daß man sich dem Teufel in die Arme wirft, wenn man den Empfang der hl. Kommunion vernachlässigt.”
DIE PROZESSION ZUM MARIENALTAR
(Lem. VIII, 129-132)
Den folgenden Traum erzählte Don Bosco am 30. Mai 1865: “Ich erblickte einen großen Altar, der Maria geweiht und prächtig geschmückt war. Alle Jungen des Oratoriums sah ich in einer Prozession zum Altare schreiten. Sie sangen das Lob der reinsten Jungfrau, aber nicht alle in derselben Weise, obwohl alle das gleiche Lied sangen. Viele sangen wirklich genau und gut nach den Noten. Einige sangen lauter, andere leiser. Manche hatten eine heisere Stimme. Andere sangen falsch, wieder andere gingen schweigend weiter und lösten sich dann aus den Reihen. Einige gähnten und langweilten sich. Manche stießen sich auch an und lachten miteinander. Aber alle trugen Geschenke, um sie Maria darzubringen. Die meisten brachten einen Blumenstrauß. Diese Blumensträuße waren von verschiedener Größe und mannigfaltiger Art. Einer hatte einen Strauß Rosen, ein anderer Nelken, wieder ein anderer Veilchen usw. Einige brachten der allerseligsten Jungfrau wirklich seltsame Gaben. Die einen trugen einen Schweinekopf, die anderen eine Katze. Es war auch einer dabei, der eine Platte voll Kröten hatte, während andere ein Kaninchen, ein Lamm oder andere Dinge trugen.
Vor dem Altar stand ein schöner Jüngling. Wenn man genau hinschaute, sah man Flügel. Vielleicht war es der Schutzengel des Oratoriums. So wie die Jungen nach und nach herankamen und ihre Gaben darbrachten, nahm er diese in Empfang und legte sie auf den Altar.
Die ersten brachten herrliche Blumensträuße und der Engel legte sie, ohne etwas zu sagen, auf den Altar. Andere — in großer Zahl — reichten ihm ihre Blumensträuße. Er betrachtete sie und nahm sie auseinander. Verdorbene Blumen nahm er heraus und warf sie weg. Dann fügte er die Blumen wieder zu einem Strauß zusammen und legte sie auf den Altar. Einige hatten schöne Blumensträuße, aber Blumen dazwischen, die nicht dufteten, wie Dohlen, Kamelien u. a. Der Engel ließ sie herausnehmen, weil Maria nur Wirklichkeit und nicht den Schein liebt. Wenn dann der Strauß neu geordnet war, brachte der Engel ihn der heiligsten Jungfrau dar. Viele hatten zwischen ihren Blumen sogar Dornen und Nägel, die der Engel wegnahm.
Schließlich kam der Junge heran, der einen Schweinekopf trug. Der Engel sagte zu ihm: “Hast du wirklich den Mut, diese Gabe Maria anzubieten? Weißt du auch, was das Schwein bedeutet? Das häßliche Laster der Unkeuschheit. Die reinste Jungfrau Maria kann diese Sünde nicht ertragen. Ziehe dich also zurück; du bist nicht würdig vor ihr zu stehen.”
Dann kamen Jungen, die eine Katze trugen und der Engel sagte ihnen: “Ihr wagt es, der Gottesmutter solche Sachen anzubieten? Wißt ihr nicht was eine Katze bedeutet? Sie versinnbildet den Diebstahl und ihr bringt sie noch der heiligsten Jungfrau! Diebe seid ihr, Diebe, die den Kameraden Geld, Sachen, Bücher und sogar Eßwaren wegnehmen. Ihr seid solche, die aus Ärger und Bosheit Kleider zerreißen und das Geld der Eltern vergeuden, weil sie die Zeit zum Lernen der Schulaufgaben nicht ausnutzen.”
Dann ließ er auch diese beiseite treten.
Nun kamen diejenigen Jungen, welche Platten mit Kröten trugen. Der Engel schaute sie zornig an. “Die Kröten versinnbilden die schändlichen Sünden des Ärgernisgebens und ihr wollt sie der reinsten Jungfrau bringen? Zurück! Fort mit euch zu den übrigen Unwürdigen!” Da zogen sie sich verwirrt zurück.
Es kamen auch einige heran, die einen Dolch im Herzen trugen. Der Dolch bedeutet Sakrilegien. Der Engel sagte ihnen: “Merkt ihr nicht, daß ihr den Tod in der Seele habt? Daß ihr Überhaupt noch lebt, ist ein besonderes Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. Ihr wäret sonst verloren. Um Gottes Willen, laßt euch diesen Dolch herausnehmen!” Auch diese wurden zurückgewiesen.
Nach und nach kamen alle Jungen heran. Es wurden Lämmer, Kaninchen, Fische, Nüsse, Trauben und andere Sachen geopfert. Der Engel nahm alles und legte es auf den Altar.
Nachdem er die guten Jungen von den schlechten geschieden hatte, ließ er alle, deren Gaben von Maria angenommen worden waren, sich vor dem Altar aufstellen. Leider waren diejenigen, die er fortgeschickt hatte, und die an der Seite standen, zu meinem Schmerz viel zahlreicher als ich geglaubt hatte.
Nun erschienen zu beiden Seiten des Altares noch zwei andere Engel. Diese brachten zwei Körbe voll herrlicher Kränze, die aus prächtigen Rosen geflochten waren. Es waren eigentlich keine natürlichen Rosen, sondern künstliche, ein Sinnbild der Unsterblichkeit.
Der Schutzengel nahm darauf die Kränze, einen nach dem andern, und schmückte damit alle Jungen, die um den Altar standen. Die Kränze waren verschieden groß, aber alle von einer wunderbaren Schönheit. Denkt euch nur, da waren nicht nur die Jungen anwesend, die sich zur Zeit im Oratorium befinden, sondern auch noch viele andere, die ich noch niemals gesehen hatte.
Nun geschah etwas ganz Auffallendes. Da waren so häßliche Jungen, daß sie fast Ekel und Abscheu einflößten. Diese erhielten die schönsten Kränze, um anzudeuten, daß ein so häßliches Äußere durch das Geschenk der Tugend der Keuschheit in hervorragendem Maße ersetzt wird. Viele andere hatten dieselbe Tugend, aber in weniger hohem Grad erworben. Wieder andere zeichneten sich durch die Übung anderer Tugenden aus, wie Gehorsam, Demut und Gottesliebe. Alle erhielten Kränze, die dem Grad ihrer Tugenden entsprachen. Darauf sagte ihnen der Engel: “Es war der Wunsch Mariens, euch heute mit so schönen Kränzen zu zieren. Bedenkt aber auch, daß ihr weiter fortfahren müßt, die Tugenden zu üben, damit sie euch nicht genommen werden. Behaltet auch im Gedächtnis, daß es Mittel gibt, im Tugendleben beharrlich zu sein. Es sind: 1. Demut, 2. Gehorsam, 3. Keuschheit. Übt diese drei Tugenden, dann werdet ihr von Maria geliebt und ihr werdet dadurch würdig werden, eines Tages eine Krone zu empfangen, die unendlich schöner ist als dieser Kranz. Dann stimmten die Jungen vor dem Altar das ‚Ave maris stella' — Meerstern ich dich grüße — an.
Nach dem Gesang der ersten Strophe zog die Prozession, so wie sie gekommen war, wieder ab. Dabei sangen die Jungen das Lied: Lobet Maria, ihr gläubigen Zungen. Ihre Stimmen waren so laut, daß ich ganz verblüfft und verwundert war. Ich folgte noch eine Weile und entfernte mich dann, um die Jungen zu sehen, die der Engel beiseite stehen gelassen hatte. Ich sah sie aber nicht mehr.
Meine Lieben! Ich weiß, welche Jungen vom Engel bekränzt und welche fortgejagt wurden. Den einzelnen werde ich es sagen, damit sie sich in Zukunft bemühen, der reinsten Jungfrau solche Gaben zu bringen, die sie auch gerne annimmt. —
Nun noch einige Bemerkungen:
1. Alle brachten der lieben Jungfrau Maria Blumen, und zwar von allen Sorten. Ich beobachtete aber auch, daß alle zwischen den Blumen mehr oder weniger Dornen hatten. Ich dachte lange nach, was diese Dornen wohl bedeuten könnten und kam zu der Überzeugung, daß sie Ungehorsam darstellten: Geld behalten ohne Erlaubnis des Präfekten und ohne die Absicht es ihm abgeben zu wollen; fragen, ob man an einen bestimmten Ort gehen darf und dann doch an einen anderen gehen; zu spät in die Schule kommen, wenn die anderen schon da sind; sich heimlich Salat und andere Speisen bereiten; in die Schlafsäle der anderen gehen, obwohl es streng verboten ist, gleich unter welchem Vorwand; beim Wecken nicht gleich aufstehen; die vorgeschriebenen Andachtsübungen auslassen; schwätzen in der Zeit des Stillschweigens; Bücher kaufen ohne sie vorzuzeigen; Briefe durch Mittelspersonen fortschicken, damit sie nicht gesehen werden und auf dieselbe Art Briefe empfangen; untereinander Abmachungen treffen, Käufe und Verkäufe tätigen.
Da habt ihr alles, was die Dornen bedeuten. Viele von euch werden fragen: “Ist es also Sünde, wenn man die Hausregel übertritt?” Ich habe schon ernstlich darüber nachgedacht und antworte euch nun mit einem bestimmten “Ja”. Ich sage nicht es sei eine schwere oder eine leichte Sünde. Das hängt von den Umständen ab; aber Sünde ist es.
Man wird einwenden: “In den Geboten Gottes steht doch nicht, wir müßten die Hausregel befolgen. ” Hört zu! Es ist aber in den Geboten enthalten: “Du sollst Vater und Mutter ehren', heißt es. Wißt ihr auch, was die Worte Vater und Mutter bedeuten? Sie schließen auch diejenigen mit ein, welche die Stelle von Vater und Mutter vertreten. Es steht aber in der Heiligen Schrift: ‚Gehorchet euren Vorgesetzten!' Es ist doch klar, daß sie zu befehlen haben und ihr gehorchen müßt. Das ist der Ursprung der Hausregel des Oratoriums und darum ist sie verpflichtend.
2. Einige hatten zwischen ihren Blumen auch Nägel. Nägel haben dazu gedient, den lieben Heiland ans Kreuz zu schlagen. Wie kamen nun die Nägel unter die Blumen? Man fängt mit Kleinigkeiten an und aus Kleinem wird Großes. Da wollte einer Geld haben unter einem gewissen Vorwand. Nachher wollte er es nicht abgeben, um es auf seine Art ausgeben zu können. Hernach fing er an, seine Schulbücher zu verkaufen und schließlich stahl er dem Kameraden Geld und andere Dinge. Ein anderer wollte seiner Gaumenlust fröhnen und stahl daher Flaschenwein. Er erlaubte sich allerhand und fiel — kurz gesagt — in schwere Sünden. Ihr seht also, wie die Nägel zwischen die Blumen kamen und wie der Heiland aufs neue ans Kreuz geschlagen wurde. Der Apostel sagt: “Rursus crucifigentes filium Dei — sie schlugen ihn aufs neue ans Kreuz.”
3. Viele Jungen hatten zwischen frischen und duftenden Blumen auch verwelkte und faule in ihrem Strauß; aber auch recht schöne waren dabei, die jedoch nicht dufteten. Die verwelkten und faulenden Blumen bedeuten gute Werke, aber im Stande der Todsünde verrichtet, die also nicht verdienstvoll sind. Blumen, die nicht duften, sind guten Werken vergleichbar, die der Menschen wegen, aus Ehrgeiz, oder um Lehrern und Vorgesetzten zu gefallen, verrichtet wurden. Daher machte der Engel den Jungen Vorwürfe, weil sie es wagten, der Gottesmutter solche Gaben darzubringen. Er schickte sie zurück, damit sie ihren Blumenstrauß in Ordnung brächten. Daraufhin ordneten sie ihn aufs neue, banden ihn zusammen wie vorher und übergaben ihn dem Engel, der ihn dann entgegennahm und auf den Altar legte. Diese Jungen hielten sich aber nicht an eine gewisse Ordnung, sondern brachten ihren Strauß später in Ordnung, übergaben ihn und stellten sich dann zu jenen Jungen, die einen Kranz erhalten hatten.
In diesem Traum sah ich alles, was bei meinen Jungen vorgeht, wie sie waren und wie sie sein werden. Vielen von ihnen habe ich es schon gesagt, den andern werde ich es noch mitteilen. Tragt aber Sorge, daß die reinste Jungfrau von euch nur Gaben bekommt, die nicht zurückgewiesen werden müssen.”
Aus diesem Traum könnte man entnehmen, daß Maria nicht nur Mittlerin aller Gnaden ist, sondern daß sie auch alle unsere guten Werke für Gott annimmt und daß die Engel zwischen Maria und uns stehen.
Don Bosco hat die Nutzanwendung aus diesem Traum gezogen. Er hat den Lohn der Tugend hervorgehoben und ebenso die Strafe für böse Taten, die bei Jungen in einem Internat vorkommen können.
DIE GEFAHRVOLLE MEERFAHRT
(Lem. VIII, 275-282)
Am Abend des Neujahrstages 1866 erzählte Don Bosco vor der versammelten Schar seiner Jungen den folgenden Traum:
“Mir schien es, als befände ich mich irgendwo in der Nähe von Castelnuovo d'Asti; es war aber anderswo. Alle Jungen des Oratoriums spielten vergnügt auf einer großen Wiese. Da kamen plötzlich Wasserfluten heran. Eine Überschwemmung drohte uns von allen Seiten. Das Wasser schwoll ständig an und kam immer näher. Der Po war über seine Ufer getreten und gewaltige, alles verheerende Wassermassen überfluteten das Land.
Von Schreck überwältigt eilten wir auf eine große, alleinstehende Mühle zu, deren Mauern so dick waren wie die einer Festung. In ihrem Hof blieb ich mit meinen Jungen stehen. Die Wassermassen drangen aber bis dorthin vor. So waren wir alle gezwungen, uns in das Haus zurückzuziehen. Bald mußten wir sogar die obersten Räume beziehen. Vom Fenster aus überschauten wir die Überschwemmung. Die Wasserfläche reichte wie ein ungeheurer See von den Hügeln bei Superga bis zu den Alpenwiesen. Wir sahen die Wasserfläche, aber keine bebauten Felder, Gemüsegärten, Wälder, Bauernhöfe, auch keine Dörfer und Städte mehr. Beim Ansteigen des Wassers waren wir bis in den obersten Stock des Gebäudes gestiegen. Da alle Hoffnung auf menschliche Hilfe geschwunden war, begann ich, meinen lieben Jungen Mut zu machen. Ich sagte ihnen, sie sollten sich mit vollstem Vertrauen den Händen Gottes überlassen und in die Arme unserer lieben himmlischen Mutter flüchten.
Bald jedoch war das Wasser sogar bis zum obersten Stock gestiegen. Da waren alle sehr erschrocken. Wir sahen keine andere Rettung mehr, als uns auf ein großes Floß, eine Art Schiff, zurückzuziehen, das in jenem Augenblick aufgetaucht war und nahe an uns vorbeischwamm.
Jeder atmete bei dessen Anblick erleichtert auf und versuchte, sich als erster zu retten. Es wagte aber doch keiner, weil das Schiff sich dem Haus nicht ganz nähern konnte. Eine Mauer, die etwas aus dem Wasser ragte, hinderte es daran. Um hinüber zu kommen, bot sich nur ein langer, schmaler Baumstamm als Hilfsmittel. Es war jedoch sehr schwer hinüberzugehen, denn der Stamm ruhte mit einem Ende auf dem Boot und senkte sich mit diesem, wenn es von den Wellen geschaukelt wurde.
Ich faßte Mut und ging als erster hinüber. Um die Jungen zu beruhigen und das Überschreiten zu erleichtern, bestimmte ich einige Kleriker oder Priester, welche die Übersteigenden etwas stützen und den Ankommenden vom Boote aus die Hand reichen sollten. Aber merkwürdig, von dieser leichten Arbeit wurden die Kleriker und Priester so müde, daß der eine hier, der andere dort vor Ermüdung umsank. Das gleiche geschah auch jenen, die an ihre Stelle traten. Verwundert wollte ich es selber einmal probieren. Ich fühlte mich jedoch auch bald so matt, daß ich mich nicht mehr halten konnte. Indessen machten sich viele ungeduldige Jungen, vielleicht aus Angst oder um sich mutig zu zeigen, eine zweite Brücke. Sie hatten nämlich ein Brett gefunden, das lang genug und noch etwas breiter war als der Baumstamm. Sie warteten aber nicht auf die Hilfestellung der Kleriker und Priester, sondern wollten voreilig hinüberlaufen. Sie hörten auch nicht auf meine Warnung. Ich rief ihnen zu: “Halt, halt, wenn ihr nicht hineinfallen wollt!” So geschah es, daß viele, die von anderen gestoßen wurden oder das Gleichgewicht verloren, hinunterfielen und das Boot nicht erreichten. Von den trüben und faulen Wasserfluten wurden sie verschlungen und man sah sie nicht mehr. Bald sank dann die eigens gebaute Brücke ein mit allen, die darauf standen. Ihre Zahl war groß; ein Viertel all unserer Jungen wurde ein Opfer ihres Eigenwillens.
Bis jetzt hatte ich das eine Ende des Baumstammes festgehalten, derweil die Jungen hinübergingen. Da gewahrte ich, daß das Wasser noch über die hindernde Mauer gestiegen war und fand Mittel, das Floß dicht an die Mühle zu stoßen. Dort stand noch Don Cagliero mit dem einen Bein auf der Fenstermauer und mit dem andern auf dem Rand des Bootes. So ließ er die Jungen hinüberspringen, die noch in den Räumen der Mühle zurückgeblieben waren. Er reichte ihnen die Hand und half ihnen sicher auf das Floß.
Aber noch waren nicht alle Jungen gerettet. Einige waren auf den Speicher und von dort aus auf das Dach geklettert. Auf der höchsten Stelle hatten sie sich dicht aneinander gedrängt, während die Überschwemmung unaufhörlich stieg, ohne einen Augenblick auszusetzen. Schon hatte sie die Dachrinne überflutet und bedeckte einen Teil der Dachränder. Mit dem Wasser war aber auch das Boot gestiegen. Ich beobachtete die armen Jungen, die in so schrecklicher Bedrängnis waren, und rief ihnen zu, sie sollten recht innig beten, sich ganz still verhalten und mit den Armen ineinandergelegt herunterkommen, um nicht auszugleiten. Sie gehorchten und als das Floß an die Dachrinne herankam, gelangten alle von ihren Kameraden unterstützt, an Bord. Hier sah man in vielen Körben eine Menge Brot. Als wir alle auf dem Floß waren — immer noch unsicher, ob wir dieser Gefahr entrinnen würden — übernahm ich als Kapitän das Kommando und sagte zu den Jungen: “Maria ist der Meeresstern, sie verläßt keinen, der auf sie vertraut. Stellen wir uns alle unter ihren Schutz. Sie wird uns aus diesen Gefahren erretten und in einen ruhigen Hafen führen.”
Darauf überließen wir das Schiff den Wellen. Es kam in Bewegung, schwamm ruhig und bewegte sich von jenem Ort. (Facta est quasi navis institoris, de longe portans panem suum — es gleicht dem Schiff eines Kaufmanns und trägt von weit her sein Brot. Spr. 31/14.)
Die vom Winde gepeitschten Wogen stießen das Floß so schnell, daß wir, um nicht herunter zu fallen, uns eng aneinander drückten und gleichsam nur einen Körper bildeten.
Nachdem wir in kurzer Zeit eine große Strecke zurückgelegt hatten, hielt das Floß plötzlich an, drehte sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit um sich selbst. Es schien unterzugehen. Aber ein sehr heftiger Wind trieb es aus dem Strudel heraus. Dann schlug es einen regelmäßigeren Kurs ein. Wohl kam hin und wieder ein Wirbel, aber auch der rettende Wind und bald hielt das Schiff an einem trockenen Gestade. Es schien ein Hügel zu sein, der mitten aus dem Meer hervorragte und sehr schön aussah.
Viele Jungen waren davon ganz bezaubert. Sie sagten auch, der Herr habe die Menschen auf die Erde und nicht auf das Wasser gesetzt. Und ohne um Erlaubnis zu fragen, verließen sie jubelnd das Floß, luden uns auch ein, ihnen zu folgen und stiegen ans Ufer. Ihre Zufriedenheit dauerte aber nicht lange, denn die Fluten schwollen wieder an und bei einem plötzlichen Wüten eines gewaltigen Sturmes stiegen sie am Ufer empor. Nun stießen die unglücklichen Jungen verzweifelte Schreie aus. Sie standen bald bis an die Hüften im Wasser und verschwanden kopfüber in den Fluten. Da rief ich: “Ja, es ist wirklich wahr. “Wer nach seinem eigenen Kopf handeln will, muß aus seinem eigenen Geldbeutel bezahlen.”
Das Schiff drohte wiederum in der Gewalt des Sturmes unterzugehen. Ich schaute auf meine Jungen; sie waren bleich im Gesicht und keuchten. “Habt nur Mut”, rief ich ihnen zu, “Maria wird uns nicht verlassen. ” Wir verrichteten nun gemeinsam die Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und der Reue und beteten dann noch einige Vaterunser und Gegrüßte seist du Maria und zum Schluß noch das Salve Regina. Darauf hielten wir uns noch einmal knieend bei den Händen und jeder betete still für sich weiter. Trotz der Gefahr blieben einige jedoch ziemlich gleichgültig. Sie hatten sich aufgestellt, gingen hin und her, als wenn nichts wäre, lachten miteinander und machten sich fast lustig über die betende Haltung ihrer Kameraden. Da hielt das Schiff ganz plötzlich an, drehte sich schnell um die eigene Achse und ein wütender Sturm schleuderte jene Unglückseligen in die Fluten. Es waren dreißig Jungen. Kaum lagen sie in dem tiefen schlammigen Wasser, sah man nichts mehr von ihnen. Wir stimmten das Salve Regina an und flehten mehr denn je aus tiefstem Herzen um den Schutz des Meeressterns Maria.
Nun wurde es ruhig. Das Schiff schwamm wie ein Fisch immer weiter und wir wußten nicht, wohin es uns bringen würde. An Bord wurde eifrig und fortdauernd eine Rettungsaktion betrieben und alles getan, um zu verhindern, daß noch mehr Jungen ins Wasser fielen. Man gab sich auch alle Mühe, die Hineingefallenen zu retten. Es waren ja immer wieder einige, die sich unvorsichtig über die niedrigen Ränder des Floßes lehnten und ins Wasser fielen. Selbst ungezogene und schlimme Jungen waren dort, die ihre Kameraden an den Rand des Floßes riefen und dann ins Wasser stießen. Deswegen besorgten einige Priester kräftige Stangen und dicke Stricke und Angelhaken. Andere befestigten die Haken an den Stangen und teilten sie an einzelne aus. Manche standen schon mit erhobenen Stangen auf Posten. Sie schauten gespannt auf das Wasser und lauschten aufmerksam auf jeden Hilferuf. Kaum fiel ein Junge hinein, dann senkte sich die Stange und der Schiffbrüchige klammerte sich an das Seil oder wurde mit dem Haken an den Kleidern oder am Gürtel gepackt, herausgezogen und gerettet. Doch gab es auch Jungen, welche die Arbeit der Angler und der Kameraden, die Angelhaken bereiteten und verteilten, störten und behinderten. Die Kleriker hielten überall Aufsicht, um die Jungen in Ordnung zu halten; es waren nämlich viele.
Ich stand unter einer hohen Flagge, die in der Mitte aufgepflanzt war. Um mich herum waren viele Jungen, Priester und Kleriker, die meine Anordnungen ausführten. So lange sie fügsam waren und meinen Worten willig folgten, ging alles gut. Wir waren ruhig, zufrieden und fühlten uns sicher. Aber bald fanden einige das Floß unbequem. Sie fürchteten eine lange Reise, beklagten sich über die Gefahren und Entbehrungen, stritten um den Ort der Landung und überlegten, ob man nicht eine andere Zuflucht finden könnte. Sie gaben sich der törichten Hoffnung hin, es sei Land in der Nähe, wo man sichere Unterkunft finden könnte. Sie vermuteten, unser Proviant würde ausgehen und fragten sich untereinander, ob man nicht doch den Gehorsam verweigern sollte. Vergebens suchte ich sie mit Vernunftsgründen zu bewegen und zu überzeugen.
Plötzlich waren andere Flöße in Sicht. Sie nahmen jedoch einen anderen Kurs, als sie in unserer Nähe waren. Da beschlossen einige unkluge Jungen, sich von mir zu entfernen, ihren Launen zu folgen und selbst einen Versuch zu machen. Sie warfen einige Bretter ins Wasser, die auf unserem Floß lagen, und sie entdeckten auch einige, die nicht weit entfernt im Wasser schwammen und ziemlich breit waren. Sie sprangen darauf und entfernten sich auf ihnen. Es war eine unbeschreiblich schmerzliche Szene für mich. Sah ich doch diese Unglücklichen ihrem Untergang entgegentreiben. Der Wind blies scharf und die Wellen wurden stark bewegt. Einige Jungen versanken und wurden wild hin‑ und hergeschleudert. Andere gerieten in einen Strudel und wurden in die Tiefe gerissen. Wieder andere stießen auf Hindernisse an der Wasseroberfläche und verschwanden kopfüber in den Tiefen. Einigen gelang es, auf eines der Flöße zu springen, versanken aber bald darauf. Die Nacht war finster und schwarz. Von weitem hörte man die herzzerreißenden Schreie der Ertrinkenden. Alle gingen unter. ‚In mare mundi submergentur omes illi quos non suscipit navis ista‘m — Im Meere der Welt gehen alle unter, die nicht von diesem Boote — dem Schiff Mariens — aufgenommen werden.